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II. Kap.: Die Entftehung der Hausinduftrie
Zunft fich verpflichten, während der beiden nächften Jahre je 80 Pfund von
Paternofterkränzen den erftern zu überlaffen. Wenn ein Meifter mehr als
80 Pfund im Jahre anfertigte, fo mußte diefer Überfchuß in Lübeck bleiben
und nicht etwa nach Venedig, Nürnberg, Frankfurt oder Cöln abgeführt werden.
Die Kaufherren behielten fich nur den Vertrieb vor: von einem Geldvorfchuß,
von einer Anweifung über die Herftellung der Waren, von einer Rohftoffliefe-
rung hören wir noch nichts. Die Lübecker Bernfteindreher blieben noch ziem
lich felbftändig und durften außer dem Abfatz an die Kaufleute auch noch für
ihre Lübecker Kunden produzieren.
Viel weitergehende und die Selbftändigkeit der Handwerker mehr be-
fchränkende Bedingungen ftellt der Augsburger Kaufmann Ott Ruland, wie
er in feinem Handelsbuch felbft vermerkt. x ) Er beftellt auch Paternofterkränze
bei verfchiedenen Meiftern in Wien und Salzburg, liefert ihnen aber auch das
Miftelholz dazu und fchießt ihnen eine beftimmte Geldfumme vor. Die alfo
verlegten Meifter aber dürfen nur für ihren Verleger arbeiten, find alfo gar keine
Handwerker mehr, die unmittelbar für ihre Kunden tätig find, fondern zu Haufe
befchäftigte Lohnarbeiter, wirkliche Heimarbeiter.
Neben dem erweiterten Verkehr ift es die fortfehreitende Arbeits
teilung, die allmählich ein hausinduftrielles Verhältnis in viele Gewerbe
einführt. 2 ) Je mehr ein längerer Produktionsprozeß in mehrere Abfchnitte
zerlegt wurde, um fo mehr verfchiedene Gewerbe bildeten fich, von denen eins
dem andern in die Hand arbeitete, von denen eins dem andern die Halbfabrikate
zum Fertigmachen bereitftelltc. So wurde in Solingen die KI i ng e n fc h m i e-
d e r e i während des 15. Jahrhunderts von Handwerkern betrieben, die in drei
voneinander getrennten Bruder fchaften vereinigt waren, den Schwert fehmieden,
Härtern und Schleifern, Schwertfegern und Reidern. Die Schwertfchmiede
konnten nun ebenfowenig wie die Härter und Schleifer ihre unfertigen und zum
Gebrauch noch ganz ungeeigneten Fabrikate zum Kauf anbieten, wohl aber
die Schwertfeger und Reider. In ihren Händen fammelten fich die fertigen
Produkte an; jie zogen auf die Meffen und boten die blanken Klingen aus,
pe wurden allmählich Kaufleute und Gewerbetreibende zugleich, von denen
die vorarbeitenden Gewerbe mehr und mehr abhängig wurden. Immer all
gemeiner wurde der Brauch, daß diefe nur noch auf Beftellung der Kaufleute,
') Ott Rulands Handlungsbuch in der Bibliothek des Literarifchen Vereins in
Stuttgart, I, Heft 4. zitiert nach Stieda.
2 )Genau gefprochen kommt hier die Produktionsteiiung im Gegenfatz
zur Arbeitszerlegung und Berufsfpaltung in Betracht, alfo die Teilung eines ganzen
Produktionsprozeffes in mehrere felbftändige Abfchnitte. Vgl. Bücher, Die Ent
ftehung der Volkswirtfchaft 5 293 ff.