§ 2. Berufliche und geographi fche Verteilung der Hausinduftrie
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Die aufgezählten Gewerbegruppen befagen über den Charakter der Haus-
induftric noch nicht viel. Es ift noch des nähern zu zeigen, auf welche Gewerbe-
arten innerhalb der verfchiedenen Gruppen die Hausinduftrie hauptfächlich
entfällt. Wir berückfichtigen dabei nur die Gruppen, die wenigftens 3000
Hausgewerbetreibende enthalten.
In der Induftrie der Steine und Erden (IV) treffen wir Hausinduftrielle
vornehmlich in der Edel- und Halbedelfteinfchleiferei, in der Porzellanfabri-
kation und -Veredlung fowie in der Glasveredlung und Spiegelfabrikation.
Bei der Metallverarbeitung (V) find hausinduftriell tätig Nagelfchmiede,
Schloffer, befonders aber zahlreiche Zeug-, Senfen- und Waffenfehmiede.
Mafchinen, Inftrumente und Apparate (VI) werden vom Hausgewerbe
hergeftellt, foweit vorwiegend kleingewerblich organifierte Betriebe überhaupt
hier leiftungsfähig find, namentlich Mufikinftrumente, wie Geigen, Zieh-
und Mundharmonikas, aber auch mathematifche, phyfikalifche, chemifche
und chirurgifche Inftrumente und Apparate.
Ein weit ausgedehntes Feld hat die Hausinduftrie ftets im Textilgewerbe
gefunden. Hier ift vor allem ftark vertreten die Seiden-, Woll- und Leinen
weberei, die Baumwollweberei, letztere allein mit 21 358 Befchäftigten, die
Strickerei und Wirkerei mit 22 069, die Häkelei, Stickerei und Spitzenfabrikation
mit 27 986 Perfonen. Weniger ftark, aber immerhin noch mit mehrern taufend
Heimarbeitern find be fetzt die Wäfcherei, Bleicherei und Appretur für Spitzen
und die Pofamentenfabrikation.
Gerade im Textilgewerbe, wo die Hausinduftrie lange Zeit hindurch im
Vordergrund ftand, wird ihr Arbeitsgebiet von Jahr zu Jahr mehr eingeengt.
Wie zwifchen den beiden Zählungen von 1882 und 1895, fo ift auch 1907 im
Vergleich zu 1895 ein gewaltiger Rückgang der Hausinduftrie feftzuftellen.
Vor allem hat — abgefehen von der nahezu ausgeftorbenen hausinduftriellen
Spinnerei — die Hausweberei ftark abgenommen: die Seidenweberei um
5392, die Wollweberei um 14 683, die Leinenweberei um 12 075, die Baum
wollweberei um 11 850, die Weberei von gemifchten Waren um 9117 Perfonen.
Die hausinduftrielle Weberei ift mehr und mehr von der fabrikmäßigen Pro
duktion aufgefogen worden. Begünftigt durch die großen technifchen Fort-
fchritte gerade in der Weberei, die in der Hausinduftrie keine Verwendung finden
konnten, bildete fich auf diefem Gebiete immer mehr der konzentrierte Groß
betrieb aus und zwang die Handweber, entweder in Fabriken ihren alten Beruf
weiter auszuüben oder in andere Berufe abzuwandern.
Aber auch andere Textilgewerbearten find bezüglich des Hausgewerbes
im Rückgang begriffen, fo die Strickerei und Wirkerei und die Pofamenten-