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Anhang., Zur Philosophie der Statistik.
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die sich erblich fortpflanzt, und die oft, nachdem sie Familien unglück
lich gemacht, nur damit endigt, dass sie dieselben ganz ausrottet ! Bios
aus Vorurtheil (oder auf das Ungefähr hin) pflegen wir Orte und Climate
als für die Leidenden günstig oder ungünstig zu nennen. Einer Familie,
die, vor der Erblichkeit des Uebels zitternd, nach einer Gegend ziehen
möchte, in welcher ihr mehr Hoffnung bliebe, sich der sie verfolgenden
Geisel zu entziehen, können wir einen verlässigen Rath kaum ertheilen.
Und doch — welches Uebel ist in seinen Verheerungen leichter zu erkennen
als die Phthisis, so dass man sich zu der Behauptung berechtigt sieht :
keine derartige Untersuchung sei wichtiger und leichter zugleich.“ —
Welche Fülle belehrender Thatsachen wird eine verständige Aus
bildung der Statistik für jedes einzelne Land und bezüglich aller Haupt-
krahkheitsformen zum Heile der Menschheit enthüllen ! Ueher blickt
man nur dasjenige Material, welches z. B. die jährlichen Truppenaus
hebungen in einem grösseren Reiche liefert, so gewahrt man, wenn es
durch die Statistik nur einigermassen mit Umsicht und Kenntniss ge
ordnet und gesichtet wird, mitunter die überraschendsten Resultate, die
ebenso oft wichtige belehrende Fingerzeige bilden. Es ist nicht Zufall,
sondern die Wirkung bestimmter Ursachen, die sich müssen ermitteln
lassen, wenn z. B. in Frankreich auf 100,000 Conscribirte im einen
Departemente durchschnittlich nur 118 Befreiungen wegen Scropheln
Vorkommen, im andern, unmittelbar an dasselbe angrenzenden dagegen
auf die gleiche Verhältnisszahl nicht weniger als 2809 ; und doch ist
jenes im Pas-de-Calais, dieses im angrenzenden Xorddepartement wirk
lich der Fall. Ebenso hat man wegen Kropfes im einen Departemente
keinen einzigen Aufgerufenen freizulassen, im andern hingegen die er
schreckende Menge von 8832 (auf 100.000), — im Finistère einer-, im
Morbihan anderseits; — in gleicher Weise wegen Verlusts der Zähne
dort 30, hier 6700 u. s. w.
Wie furchtbar ist die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebens
jahre, und wie ungeheuer der Unterschied in den einzelnen Provinzen
eines und desselben Landes. In Bayern z. B. starben 1861—62 von 100
Gehörnen im Regierungsbezirke Pfalz 22,92, also schon eine erschreckende
Anzahl ; in allen andern Regierungsbezirken ergab sich aber eine noch
grössere Menge, ja in dem Kreise Schwaben stieg die Ziffer auf 43,89,
und in Oberbayern auf 44,02. Wie viele Menschenleben können da
gerettet werden, wenn man, durch solche Resultate zu Forschungen und
Verbesserungen veranlasst, überall auch nur die Verhältnisszahl der
Pfalz erreicht.
Welche Wichtigkeit besitzen genaue statistische Forschungen in
dem angedeuteten Sinne nicht blos für die Kranken unmittelbar, sondern
selbst für die einzelnen Gegenden? Man wird Heilorte entdecken, wo
man solche heute noch nicht ahnet, und man wird hinwieder, wo man
die Grösse einer Verheerung erkennt, auf Ergründung der Ursachen
und auf Mittel zu deren Beseitigung sinnen, und gewiss oft mit vollem
Erfolge.
Eine vorzügliche Beachtung verdient u. a. die Beschäftigungs
weise der verschiedenen Classen und Stände in ihrer Wirkung auf die
Gesundheit. Es ist sicherlich keine gleichgiltige Sache, wenn die Stati-