Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

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•  Anhangs.  Zur  Philosophie  der  Statistik.

Jahre  (75  Todesfälle  auf  528  Individuen).  Da  die  Statistik  diese  Thatsache
  constatirte,  war  es  mit  der  Setifcolonisirung  sofort  zu  Ende.
Man  hat  früher  allgemein  an  ein  unbedingtes  «Acclimatisiren»  der
Einwanderer  in  entfernte  Länder  geglaubt,  wonach  der  menschliche
Körper  sich  allmählig  an  jedes  fremde  Clima  gewöhne.  Man  hat  in
Folge  dessen  die  nach  weit  entlegenen  Colonien  gesendeten  Truppenkörper ­
  möglichst  wenig  abgelöst,  im  festen  Glauben,  dass  die  Sterblichkeit ­
  um  so  geringer  werde,  je  länger  ein  Corps  in  der  nemlichen  Zone
verweile.  Die  Statistik  hat  die  Grundlage  dieser  ganzen  Acclimatisirungstheorie
  erschüttert,  indem  sie  nach  wies,  dass  der  menschliche  Körper ­
  um  so  gewisser  zu  Grunde  geht,  je  länger  er  einem  schädlichen  Einflüsse ­
  des  Climas  ausgesetzt  ist.  So  kam  die  englische  Armeeverwaltung
dahin,  im  Gegensätze  zu  früher  das  Princip  anzunehmen,  dass  kein
Truppencorps  ohne  besonderes  Bedürfniss  länger  als  drei  Jahre  in  einer
entfernten  Colonie  belassen  werde.  Das  nächste  Ergebniss  dieser,  vermittelst ­
  der  Statistik  erwirkten  Aenderung  war,  dass,  während  man
früher  in  sämmtlichen  britischen  Colonien  auf  1000  Mann  durchschnittlich ­
  48,58  Todesfälle  zählte,  diese  Ziffer  sofort  auf  24,2,  also  vollkommen ­
  auf  die  Hälfte  herabsank.*)
Unter  allen  Krankheiten,  von  denen  die  Menschen  heimgesucht
werden,  sind  es  s.  g.  Lungenleiden  (eigentlich  Krankheiten  der  Respirationsorgane) ­
  ,  welche  die  grösste  Zahl  Opfer  fordern.  Das  Uebel
herrscht  aber  nicht  an  allen  Orten  gleichmässig.  Doch  fragt  man,  welche
Orte  sich  als  gesund  empfehlen,  so  mangeln  zur  Zeit  noch  fast  alle
sichern  Anhaltspunkte.  Früher  sandte  man  die  Leidenden  nach  Nizza;
endlich  brachten  manche  schlimme  Erfahrungen  zur  Erkenntniss,  dass
dieser  Ort  die  Vorzüge  nicht  besitzt,  welche  man  ihm  beimass.  Dagegen
wurden  dieselben  in  Madeira  allerdings  gefunden.  Statistische  Untersuchungen ­
  haben  sodann  dargethan,  dass  das  näher  gelegene,  ohne  so
grosse  Reisebeschwerlichkeit  zu  erreichende  und  minder  kostspielige  Palermo ­
  beiläufig  die  gleichen  Vortheile  gewährt.  Aber  welches  sind  die  geeignetsten ­
  Orte  in  unsrer  Nähe  bezüglich  dieser  oder  jener  Krankheit?  Wie
Vielen  könnte  vielleicht  durch  eine  verhältnissmässig  kleine  Ortsveränderung ­
  Rettung  werden  !  Indess  bedarf  es  dazu  einer  grösseren  Entwicklung ­
  und  Ausbildung  der  Statistik.  Treffend  hat  ein  franz.  Schriftsteller, ­
  der  selbst  Arzt  ist  Bertillon  in  Paris,  Oberarzt  von  Montmorency),
geäussert  :  «Was  wissen  wir  von  den  Todesursachen,  wie  wir  dieselben
durch  die  Statistik  erfahren  könnten?  Man  frage-einen  Arzt,  welches
die  in  Frankreich  von  Phthisis  am  wenigsten  heimgesuchten  Gegenden
seien,  ob  bedeutende  Unterschiede  obwalten,  ob  die  Nähe  von  Flüssen
sich  vortheilhaft  oder  nachtheilig  erweise  ?  Nicht  Einer  vermag  mit  voller
Sicherheit  zu  antworten.  Und  dies  bei  einer  Krankheit,  welche  mehr
als  den  zehnten  Theil  aller  Menschen  wegrafft  ;  welche  sich  vorzugsweise
auf  das  werthvollste  Alter,  die  erwachsene  Jugend,  wirft;  welche,  wie
behauptet  wird  [Registrar  General,  1853),  die  Hälfte  aller  Sterbfälle
zwischen  dem  15.  u.  30.  Altersjahre  verursacht;  —einer  Krankheit,

')  Das  Nähere  siehe  S.  510.
            
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