Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  I.  Verteilung  der  hausinduftrie

69

in  Fabriken  erheblich  einfehränkenden  Arbeiterfchutzge[etzgebung.  Während ­
  früher,  in  den  Zeiten  der  hauswirtfchaftlichen  Eigenproduktion,  die
Ehefrau  wie  auch  die  übrigen  der  Familie  zuwach  fenden  weiblichen  Arbeitskräfte ­
  in  der  Regel  im  eignen  Haushalt  ganz  befchäftigt  wurden,  zumal  die
meiften  Familien  einen  kleinen,  Männer-  und  Frauenarbeit  verlangenden
Landbefitz  hatten,  wurden  namentlich  weibliche  Arbeitskräfte  in  großer
Anzahl  freigefetzt,  als  das  Spinnen,  Weben,  Nähen,  Backen  und  andere  hauswirtfchaftliche
  Arbeiten  an  berufsmäßige  Produzenten  überging,  und  als  die
Klaffe  eines  landbefitzlofen  Kleinbürgertums  und  einer  landbefitzlofen  Arbeiterfchaft
  immer  mehr  wuchs.
Während  nun  ein  gutes  Stück  hauswirtfchaftlicher  Eigenproduktion  in
den  ländlichen  Familien  verblieb  und  die  vorhandene  weibliche  Arbeitskraft ­
  abforbierte,  wurde  in  den  G  r  o  ß  f  t  ä  d  t  e  n,  wo  die  Klaffe  der  Befitzlofen
  fich  vornehmlich  anfammelte,  die  Zahl  der  Lohnarbeit  fuchenden  Frauen
immer  größer.
Wie  im  übrigen  der  vorwiegend  feminine  Charakter  der  modernen  großftädtifchen
  Hausinduftrien  in  dem  Verlauf  der  Zuwanderung  zur  Großftadt
feine  Erklärung  findet,  ift  früher  bereits  dargelegt  worden  (vgl.  S.  34).
Es  fcheint  auch  das  Natürliche  zu  fein,  daß  die  Frau  fich  vorzugsweife
der  Heimarbeit  zuwendet.  Heim  und  Frau  find  ja  zwei  einander  naheliegende
Begriffe;  die  Frau  vom  Heim  getrennt,  erfcheint  in  den  meiften  Fällen  als
etwas  Unnatürliches  und  Schädliches.  Tatfächlich  begrüßt  manche  Frau,
die,  ihren  weiblichen  und  mütterlichen  Inftinkten  folgend,  fich  nicht  von  Haus
und  Familie  trennen  mag,  die  Hausinduftrie  als  eine  willkommene  Gelegenheit,
verdienen  zu  können,  ohne  Kinder  und  Hauswirtfchaft  vernachläffigen  zu
müffen,  die  zahlreichen  viertel  und  halben  Stunden  des  Tages  nützlich  ausfüllen ­
  zu  können,  die  fonft  verdienft-  und  zwecklos  verliefen.
Auch  der  Sozialpolitiker  und  Nationalökonom  wird  diefen  Frauen  beipflichten.
  Er  kann  aber  doch  nur  mit  ganz  bedeutenden  Einfchränkungen  der  Frauenhausinduftrie
  das  Wort  reden,  ja  er  muß  ihr  Überhandnehmen  unter  mehr  als
einem  Gefichtspunkte  bedauern.  Wie  aus  fpätern  Erörterungen  erfichtlich
wird,  hat  die  Hausinduftrie  im  allgemeinen  die  Tendenz,  die  Löhne  zu  fenken,
die  tägliche  Arbeitszeit  ins  Unglaubliche  auszudehnen  und  die  Lebenshaltung ­
  bis  unter  das  Notwendigfte  herabzudrücken.  Die  tägliche  Arbeit
wird  zur  wilden  Hetzjagd,  bei  der  den  weiblichen  Arbeitern  am  erften  der
Atem  ausgeht.  Es  tritt  eine  Überanftrengung  und  Unterernährung  ein,  der
der  weibliche  Organismus  am  wenigften  gewachfen  ift.  Die  Gewerbekrankheiten, ­
  die  mit  verfchiedenen  Hausinduftrien  fich  unfehlbar  einftellen,  wirken
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.