Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  2.  Lohnverhältniffe

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Führung  ihrem  kleinen  Jungen  überläßt.  —  Eine  Näherin  von  Wollhemden
bekommt  für  das  Nähen  von  einem  Dutzend  1,50  M„  arbeitet  von  morgens
8  bis  abends  8  oder  9  Uhr  oder  länger,  im  Durch  fchnitt  II  bis  12  Stunden,
die  Wirtfchaft  bleibt  liegen,  ihre  beiden  Kinder  nähen  mit,  das  12jährige
Mädchen  täglich  7  Stunden.  Die  Frau  erreicht  mit  den  Kindern  zufammen
einen  Wochenverdienft  von  9%  M-;  ohne  die  Kinder  wären  nur  7  bis  8  M.
VerdienCt  möglich.
Und  welches  Elend  in  der  Konfektion  hat  erft  die  Berliner  Heimarbeitausftellung
  im  Januar  1906  ans  Licht  gefördert! 1 )  Wir  brauchen  nicht  die
unglaublichen  Stundenlöhne  von  2%,  3,  4  Pfennigen  zum  Beweife  heranzuziehen. ­
  Sie  mögen  in  fchlechter  Arbeit,  in  außergewöhnlichen  Verhältniffen
der  Arbeiterin  (Alters  fchwäche,  Lähmung  ufw.)  ihre  Erklärung  finden.  Nein,
die  fehr  häufig  vorkommenden  Stundenlöhne  von  10,  12,  15  Pfennigen  laffen
auf  ein  wirtschaftliches  Elend  als  Maffenerfcheinung  fchließen.  Und  feit  der
Heimarbeitausftellung  ift  es  nicht  beffer  geworden.  Der  Gewerkverein  der
Heimarbeiterinnen  hatte  alsbald  nach  der  Ausftellung  eine  Umfrage  bei  einer
Anzahl  feiner  Mitglieder  veranftaltet,  um  die  viel  angefochtene  Richtigkeit
der  Lohnangaben  nachzuprüfen.  Im  Jahre  1912  wurde  diefe  Umfrage  in  denfelben
  Kreifen  wiederholt  und  ergänzt,  und  es  ergab  fich  eine  auffallende
Übereinftimmungmitden  Durchfchnittslöhnen  von  1907. *  2 )  Es  verdienten  in  der
Konfektion  Stundenlöhne  von  weniger  als  16  Pf.  50  Prozent  der  Heimarbeiterinnen, ­
  16  bis  20  Pf.  27  Prozent,  über  20  Pf.  23  Prozent.  Wenn  man  diefe
Löhne  unter  Berückfichtigung  der  Saifonverhältniffe  umrechnet  in  Jahres,
einkommen,  fo  wird  man  zu  ähnlichen  Durchfchnittszahlen  kommen,  wie
fie  feinerzeit  Grandke  berechnet  hat.  3 )
Nicht  viel  erfreulicher  als  in  der  Konfektion  ift  das  Bild  der  Lohnverhältniffe, ­
  das  in  andern  hausinduftriellen  Branchen  aufgedeckt ­
  ift.
In  der  Perlkranzflechterei  auf  dem  Taunus  verdient  eine  Arbeiterin
  je  nach  den  verfchiedenen  Teiloperationen  diefer  Induftrie  50  bis  60  Pf.
pro  Tag,  oder  bei  II  -  bis  12ftündiger  Arbeit  1  M.  bis  1,20  M.  —  In  der  D  r  a  h  twarenfabrikation
  (Nadeln,  Geldtäfchchen,  Schürzenhalter,  Öfen)
find  50  Pf.  der  gewöhnliche  Tagelohn.  Für  das  Preffen  von  1000  Haarnadeln
werden  6  Pf.  gezahlt;  das  Preffen  von  7—8000  Stück  bedeutet  die  normale
Tagesleiftung.  —  In  der  Filetindu  ftrie  auf  dem  Taunus  (Herftellung
*)  C.  H  e  i  |z  und  A.  Koppel,  Deutfche  Heimarbeitausftellung  Berlin  1906.
2 )  K.  O  a  e*b  e  1  a.  a.  O  26  ff.
3 )  Das  harte  tägliche  Los  der  Konfektionsheimarbeiterinnen  wird  auch  heute  noch
anfchaulich  gefchildert  dutch  das  berühmte  „Lied  vom  Hemde“,  in  welchem  Thomas
            
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