Full text: Die deutsche Hausindustrie

§ 4- Wohnung, Ernährung und Gefundheit 
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§ 4- Wohnung, Ernährung und Gefundheit 
1. Dajz bei dem dauernden Tiefftand der Löhne in der Hausinduftrie und 
den mehr oder minder fyftematifchen Verfuchen, die Löhne noch zu drücken, 
die Wohnungsfrage nicht glücklich gelöft fein kann, ift von vornh rein klar. 
Unter dem Druck geringer Einkommensverhältniffe bidet ja ganz allgemein 
vornehmlich die Befriedigung des Wohnungsbedürfniffes; an der Wohnung 
glauben die in Notlage befindlichen Menfchen am erften fparen zu dürfen. 
Und doch ift die Wohnung die Grundlage der wirtschaftlichen, fozialen und 
teilweife auch der fittlichen Entwicklung. Bekannt ift Schmollers Ausfpruch: 
Was der Menfch ift, das ift er durch die Wohnung geworden! 
Prof. Karl Bücher tadelt in einer Befprechung der erften Auflage diefer 
Schrift, da(z „die Wohnungsfrage fortgefetzt mit der 
Heimarbeiterfrage verquickt werde“. 1 ) Allerdings ift es 
richtig, was Bücher fagt, da(z die Wohnungsnot keine der Hausinduftrie als 
folcher inhärierende Erfcheinung ift; fie ift eine Ma|fennot, die über die 
kleinen Leute in den Städten überhaupt gekommen ift. Aber cs wäre trotzdem 
unrichtig, in einem Buche über die Hausinduftrie der Wohnungsfrage kein 
befonderes Intereffe zuzuwenden. Denn das Eiend, das der Hausinduftrie 
als folcher inhärent ift (Lohnelend), tritt bei weiten, namentlich gro(z- 
ftädtifchen Schichten nirgends fo fcharf in die Erfcheinung als in der Wohnungs 
not. Weiterhin gewinnt die Wohnung für den Heimarbeiter infofern eine be- 
fondere Bedeutung, als hier faft immer Wohnung und Arbeitsftätte zufammen- 
fallen. Arbeitsfchutz ift hier zum guten Teil gleich Wohnungsfchutz. Daher 
auch die Bemühungen der beften Soziaipolitiker, die Wohnungsnot bei den 
Heimarbeitern zu lindern und erzieherifch auf die Heimarbeiter bezüglich 
der Wohnungsfrage einzuwirken. Freilich werden diefe Verfuche ohne eine 
Inangriffnahme der Lohnfrage nie vollen Erfolg haben. 
Den grofzen Ubeiftand, da(z die Wohnungen zu klein find und den 
hygienifchen Forderungen an Rauminhalt nicht ent- 
fprechen, teilen die grofzftädtifchen Hausinduftriellen mit den kleinen 
Leuten der Grofzftadt überhaupt, die bei den ins Ungeheuerliche fteigenden 
Boden- und Mietpreifen fich mit ungenügenden Wohnräumen zufrieden geben. 
Aber die Hausinduftriellen find zu gröfzerer Wohnungsnot verurteilt, weil 
durchweg ihr Lohneinkommen geringer ift als das der übrigen kleinen Leute 
und die Quote für Wohnungsausgaben fo gering ift, dafz für fie nur noch die 
allerkleinften urd allerfchlechteften Wohnungen in Frage kommen können. 
Eine grojze Zahl von ihnen entfchliejzt fich zu Schlafftellen und Aftermieten, 
*) Zeitfchrift für die gefamte Staatswiffenfchaft, 62. Jahrg. 1906, 771-
	        
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