Full text: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und Steuerpolitik, 265 
deutungsvollsten Probleme für unsere Staats- und Wirtschaftspolitik 
der nächsten Jahre, 
Auf die tatsächliche Lage der Wirtschaft ist in den vorliegenden 
Abhandlungen schon verschiedentlich hingewiesen worden, Die Ver- 
luste des Krieges, durch den Friedensvertrag, durch die politischen und 
wirtschaftlichen Gärungen und Umstellungen lassen sich ziffernmäßig 
zwar nicht feststellen, aber es genügt, hier nochmals darauf hinzuweisen, 
daß die Deutschland zur Verfügung stehenden Rohstoffquellen sich 
ganz beträchtlich vermindert haben. Zunächst einmal die landwirt- 
schaftlich genutzte Fläche, die um 14 % zurückgegangen ist. Ferner 
sind die Kohlen- und Erzbasis, auf denen unsere schwere Industrie 
aufgebaut war und aus denen die weiterverarbeitende Industrie ver- 
sorgt wurde, durch die uns im Versailler Vertrag auferzwungenen 
Gebietsabtretungen besonders stark eingeengt worden. Die Verluste 
betragen 75% der Eisenerze, 68 % der Zinklager, 24 % unserer 
Kohlenlager, 44 % unserer eigenen Roheisenerzeugung, 36 % unserer 
Flußstahlerzeugung und 54% unserer Walzwerkserzeugung, Dazu 
kommen die außerordentlich starken Schäden auf dem Gebiete der 
Schiffahrt, die vor dem Kriege sehr günstige Erträge für die deutsche 
Wirtschaft brachte, vor allen Dingen aber die ungeheuren Verluste an 
beweglichem deutschen Kapital im In- und Ausland, die sich nach neuer 
Berechnung auf rund 100 Milliarden belaufen. Die Verluste der Roh- 
stoffquellen und der Schiffahrt spiegeln sich wider in der zunehmenden 
Passivität unserer Handelsbilanz: so haben wir im Jahre 1924 für über 
2,7 Milliarden Mark mehr eingeführt als ausgeführt, im ersten Halbjahr 
1925 ist bereits die gleiche Ziffer erreicht als Überschuß der Einfuhr 
gegenüber der Ausfuhr. Wir müssen eben heute zahlreiche Rohstoffe 
und auch andere Waren vom Ausland einführen. Demgegenüber 
fließen uns Zinsen des deutschen Kapitals im Auslande und sonstige 
Arbeitsverdienste, die deutsche Arbeit und deutsches Kapital zu- 
gunsten unserer Handelsbilanz brachten, nicht mehr zu. Statt dessen 
müssen wir ungeheure Zinsen für Kredite an das Ausland zahlen. Die 
Inflation hat gerade auch der Wirtschaft die empfindlichsten Verluste 
beigebracht. Zunächst ging die allgemeine Meinung dahin, daß gerade 
die Wirtschaft nicht nur in dieser Zeit keine Verluste erlitten, sondern 
durch die Vermehrung ihrer Substanz sich sehr bereichert hätte. Heute, 
wo der größte Teil der deutschen Unternehmungen ohne Gewinn 
arbeitet, die Verschuldung der Industrie und der Landwirtschaft ein 
Ausmaß angenommen hat, das zu den stärksten Besorgnissen Anlaß 
geben muß und sich in ständig zunehmenden Konkursen, Betriebsein- 
schränkungen und Betriebsstillegungen äußert, erkennt man klar, daß 
industrielle Anlagen nur dann der Ausdruck für eine reiche und starke
	        
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