Contents: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 268 
grosts weinen von andaht, daz ie kein man solt gesehen?. 
Von Ort zu Ort zogen sie, an die zwei- oder dreihundert, und 
gingen dreißig Tage in die Runde. Und wo sie einer Kirche 
nahten, da sangen sie ihre Lieder und geißelten sich, und fielen 
zu Kreuze, und lagen auf dem Erdreich, bis daß man fünf 
Vaterunser mochte gesprochen haben. Dann nahten sich ihre 
Meister und gaben jeglichem einen Streich mit der Geißel und 
sprachen also: Stant uf, daz dir got alle dine sunde vur- 
gebe! So standen sie auf ihre Kniee. Und Meister und Sänger 
sangen ihnen vor: 
Nu recket uf di uwer hende, 
das got daæ grosse sterben wende; 
nu recket uf di uwer arme, 
dass got sich obir uns irbarme! 
Unde da rachten si uf alle ire arme cruzewis, unde 
iglich slug sieh vur sin brost dri slege oder vir, unde 
huben aber an zu singen: 
Nu slaget ueh sere 
doreh Oristes ere! 
doreh got so lasset di hoffart faren, 
so0 wel sieh got obir uns irbarmen! 
So stonden si uf unde gingen wider umb unde slugen 
sieh mit den geiseln, das man jamer an irme libe sach?. 
Zur selben Zeit aber, da christliche Frömmigkeit in den 
Tiefen der Nation und namentlich der städtischen Bevölkerung 
so eigenartige, an die Askese der höheren Schichten des 10. Jahr— 
hunderts erinnernde, nur ins Demokratisch-Epidemische gewandte 
Formen annahm, hatten sich schon die besseren bürgerlichen 
Kreise zu einem weit tieferen Verständnis christlichen Wesens, 
zu einer weit mehr vergeistigten Frömmigkeit durchgerungen. 
Seit der Wende des 18. und 14. Jahrhunderts war in diesen 
Kreisen die deutsche Mystik emporgeblüht. 
Die ursprünglichste germanisch-christliche Frömmigkeit, 
iFritsche Klosener, Städtechroniken VIII S. 118. 
Limburger Chronik, od. Wyß, S. 81f.
	        
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