Full text : Der finanzielle Aufbau der deutschen industriellen Aktiengesellschaften in den Jahren 1901 bis 1910

13

Die  Liquidität  zeigt  ein  recht  günstiges  Bild:  im  Durchschnitt  beträgt  sie  3,96;  in  den  vier
letzten  Jahren  ist  ihre  Höhe  sehr  verschieden  und  zwar  bewegt  sie  sich  hier  zwischen  5,56  und
2,42,  während  sie  vorher  größere  Gleichmäßigkeit  zeigt.  Der  niedrigsten  Liquidität  im  Jahre  1908
entspricht  das  kleinste  Verhältnis  des  dauernd  verfügbaren  Kapitals  zum  Gesamtanlagevermögen;  der
niedrige  Stand  beruht  auf  einer  großen  Inanspruchnahme  der  kurzfristigen  Schulden  und  wird  im
nächsten  Jahre  durch  Umwandlung  eines  Teils  des  kurzfristigen  Kredits  in  langfristigen  dem  Durchschnitt ­
  1,13  wieder  angenähert.
I.  a.  Hüttenbetrieb  mit  Kohlenbergbau  verbunden  (Gemischte  Werke).
Tabelle  5.,
Für  die  Aktiengesellschaften  in  dieser  Gruppe  ist  maßgebend,  daß  sie  neben  Hüttenbetrieb
jeglicher  Art  sich  in  ausgedehntem  Maße  mit  Kohlenbergbau,  sei  es  nur  für  den  eigenen  Gebrauch
oder  auch  für  den  Verkauf,  befassen.  Unter  ihnen  befinden  sich  die  größten  deutschen  industriellen
Aktiengesellschaften  überhaupt.  Die  Anzahl  der  Gesellschaften  beläuft  sich  1901  auf  14,  steigt  dann
aut  18  im  Jahre  1906  und  beträgt  in  den  letzten  vier  Jahren  gleichbleibend  16.  Die  bei  allen
Verhältniszahlen  der  Tabelle  auftretenden  Verschiedenheiten  zwischen  den  Jahren  1903  und  04  sind
durchweg  zurückzuführen  auf  den  Hinzutritt  zweier  Gesellschaften  im  Jahre  1904  mit  einer  von  der
der  früheren  Gesellschaften  verschiedenen  Kapitals-  und  Vermögensverteilung.
Das  eigene  Kapital  beträgt  durchschnittlich  124,4  %  des  Aktienkapitals;  seine  sowohl  vom
Durchschnitt  als  auch  von  den  vorhergehenden  Jahren  erheblich  abweichende  Höhe  im  Jahre  1910
beruht  darauf,  daß  ein  bei  einer  der  Gesellschaften 1  in  den  Jahren  1905/09  sich  findendes  Rentensicherstellungskonto, ­
  das  im  Jahre  1910  aufgelöst  wurde,  zu  den  Reserven  gerechnet  ist.  Ohne  Einbeziehung ­
  dieses  Postens  in  die  Reserven  würde  das  eigene  Kapital  im  Durchschnitt  120,2  °/ 0  des
Aktienkapitals  betragen.  Das  Sinken  des  eigenen  Kapitals  im  Jahre  1904  wird  veranlaßt  durch  den
Hinzutritt  der  Friedr.  Krupp  A.-G.,  die  an  Reserven  nur  einen  Delkredere-  und  Garantiefonds  aufweist, ­
  der  zwar  an  sich  hoch,  jedoch  im  Vergleich  mit  dem  Aktienkapital  sehr  klein  ist.
Das  fremde  Kapital  enthält  bei  den  Gesellschaften  der  drei  ersten  Jahre  der  Untersuchung
überwiegend  Obligationen  und  Hypotheken;  von  1904  ab  übersteigen  jedoch  die  kurzfristigen
Schulden  die  langfristigen,  so  daß  von  dem  durchschnittlichen  fremden  Kapital  von  55,6  °/ 0  des
eigenen  Kapitals  nur  26,8  °/ 0 ,  also  weniger  als  die  Hälfte,  auf  letztere  entfallen,  die  33,4%  des
Aktienkapitals  betragen. 2
Das  produzierende  Vermögen  setzt  sich  im  Durchschnitt  zusammen  aus  67,1  °/ 0  produzierendes ­
  Anlagevermögen  und  32,9  °/ 0  Betriebsvermögen,  wovon  auf  Vorräte  13,5  °/ 0  entfallen.  Hiervon ­
  zeigen  die  Gesellschaften  der  drei  ersten  Jahre  wieder  starke  Abweichungen;  ihr  Anteil  des
produzierenden  Anlagevermögens  beträgt  zwischen  70,2  °/ 0  und  74,0  °/ 0  des  produzierenden  Vermögens. ­
  Der  außerordentlich  hohe  Anteil  der  Vorräte  im  Jahre  1901  entspricht  einer  ungewöhnlichen
Höhe  der  kurzfristigen  Schulden  im  Vergleich  mit  den  benachbarten  Jahren.  Im  übrigen  zeigt  die
Verteilung  des  produzierenden  Anlagevermögens  im  Laufe  der  zehn  Jahre  ziemliche  Stetigkeit.
Der  Anteil  der  Wertpapiere  und  Beteiligungen  am  Gesamtvermögen  beträgt  7,6  °/ 0 ;  wenn
dieser  Anteil  auch  nicht  allzu  groß  erscheint,  so  handelt  es  sich  absolut  um  sehr  hohe  Beträge,
entfällt  doch  durchschnittlich  auf  jede  Gesellschaft  in  den  zehn  Jahren  6,06  Mill.  Mk.  an  Wertpapieren
und  Beteiligungen.  Bei  ihnen  zeigt  sich  die  Wirkung  einer  im  Kreis  der  untersuchten  Gesellschaften
stattgetundenen  doppelten  Fusion 3  im  Jahre  1907  am  deutlichsten;  denn  ihr  Anteil  sinkt  von  10,5  °/ 0
im  Jahre  1906  auf  7,5  °/ 0  im  Jahre  1907.  Bezogen  auf  das  Anlagevermögen  beträgt  der  Anteil
der  Wertpapiere  und  Beteiligungen  durchschnittlich  10,9  °/ 0 .
Die  Abschreibungen  sind  mit  4,6  °/ 0  des  Gesamtvermögens  als  hoch  zu  bezeichnen;  sie
enthalten  neben  den  ordentlichen  noch  erhebliche  Sonderabschreibungen,  und  so  beruht  auch'ihre
ungewöhnliche  Höhe  im  Jahre  1910  auf  außerordentlichen  Abschreibungen  zweier  Gesellschaften. 4

1)  Hohenlohe  -  Werke  A.-G.;  Rentensicherstellungskonlo  tgo5/o9  je  50,147  Mill.  Mk.
2)  In  den  Jahren  1906  bis  1908  ist  zu  den  langfristigen  Schulden  ein  bei  der  Deutsch-Luxemburgischen
Bergwerks-  und  Hütten-A.-G.  angeführter  Posten  „Kreditoren  auf  längere  Kündigung“  gerechnet  worden;  er  beträgt
in  den  drei  Jahren:  9,10  bzw.  12,50  bzw.  12,50  Mill.  Mk.
3)  Phönix  A.-G.,  A.-G.  Hörder  Verein  einerseits  und  Gelsenkirchener  Bergwerks-A.-G.,  A-G.  Schalker
Gruben-  und  Hütten-Verein  anderseits.
4)  I.  Hohenlohe-Werke  A.-G.:  Gelegentlich  der  Ablösung  der  an  den  Vorbesitzer  zu  zahlenden  Rente  und
Auflösung  des  erwähnten  Rentensicherstellungskontos  wurden  17  Mill.  Mk.  z,u  Abschreibungen  auf  Anlagen  verwandt.
Salings  Börsenjahrbuch  1911/12,  S.  790.
2.  Georgs-Marien-Bergwerks-  und  Hütten-Verein:  Der  im  Jahre  1909  bei  einer  Sanierung  erzielte  Buchgewinn ­
  wurde  1910  in  Höhe  von  6,99  Mill.  Mk.  zu  außerordentlichen  Abschreibungen  verwandt.  Salings  Börsenjahrbuch ­
  1911/12,  S.  758.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.