Full text : Einführung in die Kriegswirtschaftslehre

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vorhanden  sind.  Was  hilft  die  schönste  Organisation, ­
  was  hilft  das  weitgehendste  Recht  die
Realien  zu  beschaffen,  wenn  sie  nicht  in  genügender
Menge  vorhanden  sind.  Was  hilft  gewissermaßen
die  schönste  Kanonengießerei,  wenn  kein  Rohmaterial ­
  vorhanden  ist.
Ich  möchte  diese  Frage  für  noch  viel  wichtiger
halten,  als  die  bisher  erörterten  Organisationsprobleme; ­
  man  geht  fehl,  wenn  man  sie  als
nebensächlich  abtut.  Die  kriegerische  Stimmung
der  letzten  Jahre  hat  alle  Staaten  dazu  veranlaßt,
mehr  oder  weniger  ausreichende  Berechnungen
darüber  anzustellen,  wie  weit  jedes  Land
im  Kriegsfall  imstande  sein  könnte,  die
erforderlichen  Güter  zu  produzieren
oder  zu  beschaffen.  Es  genügt  aber  nicht,  die
Berechnung  für  das  eigene  Land  anzustellen,  man
muß  auch  alje  jene  Länder  mit  ins  Kalkül  ziehen,
von  denen  wir  im  Kriegsfall  Realien  zu  erwarten ­
  haben,  oder  denen  wir  Realien  li  efern
müssen:  Was  hilft  es  z.  B.  den  Engländern,  wenn
sie  in  einem  Krieg  gegen  Deutschland  für  sich
genug  Getreide  beschafft  haben,  aber  die  mit
ihnen  verbündeten  Franzosen  im  Vorrücken  gehemmt ­
  sind,  weil  sie  an  Getreide  Mangel  leiden.
Die  Engländer  müßten  daher  den  Franzosen,  um
die  Erreichung  des  Kriegszieles  zu  ermöglichen,
einen  Teil  ihres  Getreides  abgeben,  wodurch  ihr
ganzer  Verpflegsplan  für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung ­
  in  Unordnung  geraten  kann.  Es  dürfte
sich  daher  empfehlen,  alle  derartigen  Pläne  auf
die  verschiedenen  Bündnisfälle  zu  beziehen.  Es
finden  ja  gelegentlich  über  derartige  Punkte  diplomatische ­
  Verständigungen  zwischen  verbündeten
Staaten  wohl  statt,  doch  scheinen  sie  über  gelegentliche ­
  Erörterungen  noch  nicht  hinauszugehen.
Es  genügt  aber  nicht,  etwa  die  Realien  als
solche  ins  Auge  zu  fassen,  man  muß  auch  auf
die  Transportmittel  und  Magazine
bei  diesen  Berechnungen  Rücksicht  nehmen,  insbesondere ­
  dann,  wenn  man  feststellen  will,  innerhalb ­
  welcher  Zeit  z.  B.  eine  bestimmte  Menge
von  Nahrungsmitteln  an  die  Konsumorte  gebracht
werden  kann.  Man  muß  z.  B.,  wenn  man  Rumänien ­
  als  Getreideland  des  Dreibundes  betrachtet
die  Molos  in  Rechnung  stellen,  welche  etwa  in
Deutschland  zur  Entladung  von  Getreideschiffen
längs  der  Donau  zur  Verfügung  stehen.
Die  Berechnungen  über  die  Möglichkeit,  einen
Staat  oder  einen  Staatenbund  während  eines
Krieges  mit  Realien,  insbesondere  mit  Nahrungsmitteln ­
  zu  versorgen,  sind  weit  schwieriger  anzustellen, ­
  als  man  auf  den  ersten  Blick  meinen
sollte.  Auf  ein  und  die  andere  Schwierigkeit  werde
ich  noch  hinweisen.  Vorweg  kann  ich  konstatieren,
daß  die  Ergebnisse  weder  für  Deutschland  noch
für  Oesterreich-Ungarn  sehr  günstig  zu  sein
scheinen.  Für  Deutschland  ist  Ballod  bei  seinen
Betrachtungen  zu  recht  unerfreulichen  Resultaten
für  den  Kriegsfall  gekommen.  Wie  weit  sich
Deutschland  in  günstigen  Jahren  auf  Oesterreich-Ungarns

  Hilfe  verlassen  kann,  müßte  noch  genau
festgestellt  werden.
Zunächst  muß  man  bei  den  Berechnungen
auf  den  Ernteausfall  Rücksicht  nehmen,  also  verschiedene ­
  Möglichkeiten  erwägen,  eventuell  auch
eine  gute  Ernte  in  Deutschland  mit  einer  schlechten
in  Oesterreich-Ungarn  usw.  kombinieren.
Aber  auch  das  genügt  noch  nicht.  Man  kann
die  normale  Realienverwertung  nicht  ohne  weiters
in  Rechnung  stellen,  sondern  muß  darauf  Rücksicht ­
  nehmen,  daß  viele  Rohstoffe  im  Kriegsfall ­
  anders  als  in  Friedenszeiten  verwendet ­
  werden  können.  Die  Kartoffeln,
welche  sonst  zur  Schnapsbereitung  dienen,  dürfte
man  in  Kriegszeiten,  wenn  Nahrungsmangel
herrscht,  direkt  konsumieren.  Man  müßte  systematisch ­
  festzustellen  trachten,  welche  Rohstoffe
irgendwie  für  Nahrungszwecke  überhaupt  Verwendung ­
  finden  können.
Abgesehen  davon,  daß  die  übliche  Produktion
durch  eine  andere  ersetzt  werden  kann,  muß
man  auch  die  Einführung  von  Surrogaten
aller  Art  in  Erwägung  ziehen.  Es  kann  die  Ernährung ­
  im  Kriegsfall  wesentliche  Modifikationen
erleiden.
Schließlich  muß  man  mit  dem  Verbrauch  von
Reserven  rechnen,  wie  sie  insbesondere  im  Vieh
gegeben  erscheinen.  Während  des  Balkankrieges
z.  B.  lebten  die  Balkanstaaten  zum  Teil  von  dem
Fleisch,  das  durch  vermehrte  Schlachtungen  gewonnen ­
  wurde.  Die  Schlachtungen  nahmen  dort
deshalb  sehr  zu,  weil  die  Soldaten  im  Frieden
seltener  Fleisch  essen  als  dies  während  des  Feldzuges ­
  der  Fall  war.
Schließlich  muß  noch  die  Frage  erörtert
werden,  in  welcher  Weise  denn  überhaupt  die
Produktion  während  eines  Weltkrieges  fortgeführt
werden  kann.  Während  man  bis  vor  kurzem  der
Meinung  war,  ein  Zukunftskrieg  werde  rasch  zu
Ende  sein,  beginnt  sich  jetzt  wieder  die  Anschauung ­
  zu  festigen,  daß  ein  Weltkrieg  von
längerer  Dauer  nicht  etwas  Unmögliches  sei,  zumal ­
  man  ja  nicht  mit  einer  kontinuierlichen  Kriegsführungrechnen ­
  dürfe.  Pausen  während  des  Krieges,
die  dennoch  keine  Rückkehr  zur  Friedensarbeit
gestatten,  müßten  mit  in  Rechnung  gezogen
werden.  In  diesem  Fall  kommen  alle  Produktionsreserven ­
  in  Frage,  die  wir  in  Form  von  Naturschätzen, ­
  Erfindungen  usw.  besitzen.  Vergessen
wir  nicht,  daß  dann  viele  extensiv  bebaute  Bodenflächen ­
  vielleicht  einer  intensiven  Bearbeitung  zugeführt ­
  werden  könnten.  Almen,  die  heute  verlassen ­
  werden,  um  Jagdzwecken  zu  dienen,  werden
während  eines  Weltkrieges  vielleicht  wieder  Vieh
ernähren.  Und  sollte  die  Almwirtschaft  nicht  rentabel ­
  sein,  so  kann  sie  die  Regierung  wohl  trotzdem ­
  erzwingen,  um  die  Armee  und  die  Zivilbevölkerung ­
  entsprechend  zu  versorgen.  Wir
können  mit  einer  Erweiterung  des  Gemüseanbaues,
mit  einer  Entwicklung  der  Konservenindustrie
            
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