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vergangenen Jahrzehnte, wie sich auch in Rußland eine Umwälzung in
der alten bäuerlichen Gesellschaftsordnung vorbereitet, wie sich immer
mehr unterschiedliche Klassen bilden, wie ein in Besiblosigkeit gleich-
gemachtes bäuerliches Proletariat neben dem mitileren Bauerntum
entsteht und wächst, wie dieses von der sich ausbreitenden Industriali-
sierung zu sich herangezogen wird und wie sich so auf ähnlichem
Wege, wie früher in Westeuropa, auch in Rußland der Boden vor-
bereitet, der in anderen Ländern zum Entstehen einer sozialistischen
Bewegung führte. Seine Freunde erzählen, daß er in Samara (1893}
zu der Ueberzeugung kam: „Der marxistische Sozialismus könne das
russische Volk zur Freiheit führen“, und daß er sich die Frage vor-
gelegt habe: „Gibt es zurzeit in Rußland auch andere Leute, die
dieser Meinung mit mir sind?“ Solche Gleichgesinnten zu finden und
sich mit ihnen organisatorisch zu vereinigen, ist sein nächstes Be-
streben, nachdem er 1891 sein juristisches Examen in Petersburg be-
standen hat. Auf der Suche nach ihnen reist er in den Pausen seiner
Studien in Rußland umher, hier und dort Verbindungen anknüpfend,
bis es endlich in Petersburg gelingt, zwischen 1893 und 1895 die „Ver-
einigung zum Kampfe für die Befreiung der Arbeiterklasse“ (Sojus
bor’bi za osvoboidenie rabodevo klassa*) ins Leben zu rufen, die
zuerst aus kleinen Zirkeln, nach Stadtteilen organisiert, bestand, und
sowohl Arbeiter wie Intellektuelle zu ihren Teilnehmern zählte; auch
die kurze Zeit der Rechtsanwaltspraxis unterbricht die politische Tätig-
keit Lenins keineswegs. In diese Zeit fallen nun die ersten schrift-
stellerischen Leistungen Lenins, unter denen .— 1895 — der Aufsab „Die
neuen wirtschaftlichen Bewegungen im Bauernleben‘“ damals keine
Zeitschrift fand, die ihn abdruckte, und — 1894 — die gegen die Libe-
ralen und „Narodniki“ gerichtete kleine Schrift: „Wer sind die Freunde
des Volkes und wie kämpfen. sie gegen die Sozialdemokraten“, die mit
ihren 150 Seiten keinen Verleger und Drucker fand und nur in 250
Exemplaren hektographiert verbreitet wurde.
So begann der junge Revolutionär sich zu regen und auf
Reisen. durch. persönlichen Einfluß, dazu durch Fluablätter, seine
14) Der Name dieser Gründung legt nahe, daB Lenin und seine Freunde
unter dem Einfluß der von Plechanow, Wera Zasuli& und Paul Axelrod be-
gründeten marxistischen Emigrantenvereinigung „Befreiung d. Arbeit“ (be-
gründet 1883) standen. Siehe Sonja Rabinowib: „Zur Entwicklung d. Arbeiter-
bewegung in Rußland bis zur großen Revolution von 1905“, Berlin: Julius
Springer 1914. 8°%. S. 64f. — Wie auch um die gleiche Zeit unabhängig von
der Petersburger „Vereinigung“ gesonderte Gruppen entstanden, berichtet
G..Sinowjew: „Geschichte. d. Kommunistischen Partei“. Hamburg: Carl Hoym
Nachf. 1923. 8%. S. 50f., und. früher Ljadow (MandelStam): „Geschichte der
russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei.“ Petersburg 1906. S. 64 (russ).