Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Seeschiffahrt.

959y

z.  B.  bei  Höganäs  im  äußersten  Süden),  zahlt  jährlich  etwa  70  Millionen  Kronen  für  Kohlen
an  England,  wovon  rund  der  zehnte  Teil  auf  die  Staatsbahnen  fällt,  während  es  andererseits ­
  an  natürlichen  Wasserkräften  nächst  Norwegen  das  reichste  Land  Europas  ist.  Eine
allgemeine  Einführung  des  elektrischen  Bahnbetriebs  würde  daher  für  Schweden  Ersparnisse
von  einer  Höhe  im  Gefolge  haben,  wie  sie  für  Deutschland  bei  weitem  nicht  zu  erwarten
wären.  Die  Politik  der  schwedischen  Regierung,  die  seit  einer  Reihe  von  Jahren  die  wichtigsten ­
  Wasserkräfte  des  Landes,  so  weit  es  noch  möglich  ist,  dem  Staat  sichern  will,  ist
also  durch  die  besonderen  Verhältnisse  des  Landes  wohl  verständlich.
Tie  Probestrecke,  die  zuerst  elektrisiert  werden  soll,  ist  die  Reichsgrenzbahn  im  höchsten ­
  Norden  des  Landes.  Reichsgrenzbahn  ist  die  amtliche  Bezeichnung  für  den  nördlichen ­
  schwedischen  Teil  der  Ofotenbahn,  von  der  oben  (S.  959p)  die  Rede  war.  Für
die  Elektrisierung  kommt  nämlich  bis  ans  weiteres  lediglich  die  insgesamt  t  29  km  lange
Strecke  von  Kiruna  bis  zur  Reichsgrenze  in  Betracht.  Man  hat  mitAbsicht  gerade  diese
nördlichste  schwedische  Bahn  als  Versnchsstrecke  in  Aussicht  genommen,  denn  keine  andere
hat  im  Winter  unter  hartem  Frost  und  heftigen  Schneefällen  gleich  stark  zn  leiden,  und
man  erwartet,  daß  der  elektrische  Betrieb,  wenn  er  hier  allen  Wetterunbilden  gewachsen
ist,  sich  in  anderen  Teilen  des  Landes  unter  allen  Umständen  gut  bewähren  wird.  Auch
hier  war,  neben  verschiedenen  andren  Gründen  von  Bedeutung,  für  die  Elektrisierung  die
Tatsache  maßgebend,  daß  die  Reichsgrenzbahn  zwischenAbisko  und  Björkliden  einen  1100nr
langen  Tunnel  von  10°/oo  Steigung  durchfahren  muß,  in  dem  der  den  Lokomotiven  entströmende ­
  Rauch  wiederholt  die  Aussicht  so  benommen  hat,  daß  Betriebsunfälle  erfolgten.
Ans  diesen  Gründen  hat  man  es  vorgezogen,  den  Umbau  in  der  Weise  vorzunehmen,  daß
der  leistungsfähigere  elektrische  Betrieb,  der  sich  in  Schweden  auf  den  kleineren  Versuchsstrecken ­
  Stockholm—Järfva  und  Tomteboda—Värtan  bereits  wunschgemäß  bewährt  hatte,
in  Aussicht  genommen  wurde.  Tie  Ersparnis  an  Betriebskosten  wird,  trotz  wesentlich  gesteigerter ­
  Leistungsfähigkeit,  sehr  erheblich  sein:  man  hat  berechnet,  daß  im  Jahr  1913  bei
einer  Beförderung  von  fast  4  Millionen  Tonnen  Erz  472500  M.  gegenüber  dem  jetzigen
Dampfbetrieb  würden  erspart  werden  können.  —  Tie  norwegische  Regierung  hat  übrigens
beschlossen,  auch  den  anschließendennorwegischenTeil  derOfotenbahn  mit  elektrischem
Betrieb  zu  versehen.  Es  ist  zn  erwarten,  daß  in  wenigen  Jahrzehnten  der  elektrische  Betrieb
in  Skandinavien  und  ebenso  in  der  Schweiz  ziemlich  allgemein  eingeführt  sein  und  den
Dampfbetrieb  im  wesentlichen  verdrängt  haben  wird.
Außerhalb  Europas  sind  natürlich  lange  elektrisch  betriebene  Eisenbahnlinien  ebenfalls ­
  schon  in  großer  Menge  zn  finden,  so  insbesondere  in  den  Vereinigten  Staaten;
doch  ist  keine  von  den  vorhandenen  Bahnen  so  bedeutsam,  daß  sie  an  dieser  Stelle  eigens
hervorgehoben  zu  werden  brauchte.

Seeschiffahrt.
Deutschland  nimmt  heute  unter  den  Nationen  unbestritten  den  zweiten  Platz  in  der
Beherrschung  der  Meere  ein.  Um  recht  zu  verstehen,  was  dies  bedeutet,  muß  man  sich  daran
erinnern,  daß  dieser  zweite  Platz  in  nur  etwa  einem  halben  Jahrhundert  erobert  worden  ist.
Es  ist  jetzt  gerade  ein  halbes  Jahrhundert  her,  daß  der  englische  Premier  Lord  Palmerfton,
  kurz  nach  der  Gründung  der  heutigen  Hambnrg-Amerika-Linie  und  des  Norddeutschen
Lloyd,  das  ebenso  verächtliche  wie  (im  Hinblick  auf  die  mittelalterliche  Hansa)  historisch
unbegründete  Wort  sprach:  „Tie  Teutschen  mögen  den  Boden  pflügen,  mit  den  Wolken
segeln  und  Luftschlösser  bauen,  aber  nie  seit  dem  Anfang  der  Zeiten  hatten  sie  das  Genie,
das  Weltmeer  zu  durchfurchen  oder  auch  nur  die  schmalen  Gewässer  zu  durchfahren",  und
kurz  zuvor  hatten  die  Londoner  „Times"  die  Regierung  aufgefordert,  das  Aufkommen
einer  deutschen  Kriegsflotte  nicht  zu  dulden  und  die  Schisse  mit  einer  schwarz-rot-goldenen
Flagge  als  Seeräuber-Fahrzeuge  zu  behandeln.  —  Und  heute?  Nun,  Englands  Handelsund
  Kriegsflotte  ist  der  deutschen  an  Zahl  und  Seegeltuug  noch  ganz  enorm  überlegen,
aber  dennoch  ist  die  letztere  derartig  gewachsen  und  wächst  weiter  von  Jahr  zu  Jahr,  daß
            
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