Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Der  Panamakanal.

959  ff

bei  keinem  andern  Kulturwerk  der  Erde.  Die  Gesamtkosten  belaufen  sich  schon  jetzt  auf
etwa  2  Milliarden  Mark,  rund  das  Dreifache  der  ursprünglich  veranschlagten  Summe,  und
werden  noch  sehr  hoch  anschwellen.  Bevor  man  an  die  eigentlichen  technischen  Arbeiten
gehen  konnte,  mußte  man  zunächst  einmal  gegen  die  fürchterlichen  Gesundheitszustände  auf
dem  Isthmus  von  Panama  ankämpfen  (die  Gegend  ist  wohl  die  ungesündeste  der  ganzen
Erde),  was  den  Amerikanern,  den  unerreichten  Meistern  in  der  Bekämpfung  der  Tropenkrankheiten, ­
  denn  auch  in  trefflichster  Weise  gelungen  ist.
Wie  die  Tinge  heute  liegen,  hoffen  die  Erbauer  des  Kanals  vielleicht  schon  im  September ­
  1913,  spätestens  aber  zu  Neujahr  1915,  die  Wasserstraße  zwischen  den  beiden  größten
Ozeanen  der  Erde,  wenigstens  provisorisch,  dem  Verkehr  übergeben  zu  können,  wenn  man
auch  im  günstigsten  Falle  dann  noch  lange  Jahre  zu  arbeiten  haben  dürfte,  bevor  man
wirklich  über  einen  idealen,  allen  Ansprüchen  genügenden  Kanal  verfügen  wird.  Daß  die
Amerikaner  alle  Kräfte  und  jede  beliebige  Geldsumme  daran  setzen  werden,  in  der  Tat  bis
zum  1.  Januar  1915  das  gewaltige  Kunstwerk  fertigzustellen,  ist  keinen  Augenblick  zu  bezweifeln. ­
  Ob  die  stolze  Absicht  sich  freilich  verwirklichen  lassen  wird  oder  ob  widrige
Verhältnisse  einen  Strich  durch  'die  Rechnung  machen  werden,  läßt  sich  heute  noch  nicht
sicher  übersehen.  Bei  objektiver  Beurteilung  muß  man  erklären,  daß  die  amerikanischen
Berichte,  die  so  zuversichtlich  mit  einer  Kanaleröffnung  bis  spätestens  Neujahr  1915  bestimmt ­
  rechnen,  reichlich  optimistisch  sind,  denn  die  Möglichkeit,  um  nicht  zu  sagen  die  Wahrscheinlichkeit, ­
  einschneidender  Störungen  im  Fortgang  der  Arbeiten  ist  leider  recht,  recht  groß.
Tie  anscheinend  ernsteste  Gefahr,  die  der  glücklichen  Vollendung  des  Kanals  droht,
sind  die  gewaltigen  Abrutschnngen,  die  an  den  Böschungen,  besonders  im  großen  Cnlebradurchstich
  auftreten.  Dieser  ist  ohnehin  ein  sehr  schwieriges  Beginnen,  da  der  Kanal  hierdurch ­
  hartes  Felsgestein  in  sehr  große  Tiefen  hinein  und  in  einer  Breite  von  100  m  gebrochen ­
  werden  muß.  Nun  finden  sich  aber  in  den  Fels  eingelagert  Tonmassen  in  unerwünschter ­
  Häufigkeit,  die  von  jedem  stärkeren  Regenguß  zum  Gleiten  gebracht  werden
können  und  die  dann  große  Teile  des  umliegenden  Felsgesteins  in  den  Absturz  ins  fertige
Kanalbett  mitreißen.  Schon  der  Lessepssche  Kanal  hatte  unter  diesen  Abrutschungen  aufs
schwerste  zu  leiden,  1887  stürzten  einmal  78000  obm  in  einer  einzigen  Nacht  ab.  Bereits
1885  wurde  von  dem  deutschen  Ingenieur  Peschek  dem  Kanal  prophezeit,  er  werde  überhaupt ­
  nie  zustande  kommen,  tvenn  die  Tone  häufiger  in  dein  Fels  anzutreffen  seien.  Tatsächlich ­
  finden  sie  sich  nun  erschreckend  oft.  Die  Amerikaner  kämpfen  mit  großen  Kosten
durch  stete  Verringerung  der  Böschungswinkel  gegen  das  Unheil  an,  aber  mit  nur  teilweisem ­
  Erfolg;  erst  am  9.  Februar  1911  erfolgte  die  größte,  überhaupt  je  dagewesene
Abrutschung:  nicht  weniger  als  300000  obnr  Gestein  stürzten  ins  Kanalbett,  wobei  allein
drei  Eisenbahnzüge  verschüttet  und  150  Menschen  getötet  wurden!  Ein  Jahr  später,  am
10.  Februar  1912,  stürzten  wieder  ellva  250000  cbm  ab,  und  am  6.  September  1912
wurde  gemeldet,  daß  gar  1200000  cbm  abgerutscht  seien!  Solche  Vorkommnisse  sind  um
so  verhängnisvoller,  als  der  Druck  des  abgestürzten  Gesteins  den  Boden  des  Kanalbetts
seitlich  um  viele  Meter  aufzuwölben  pflegt.  Kommt  nun  einmal  etwas  Ähnliches  vor,  nachdem ­
  die  Schiffahrt  im  Kanal  eröffnet  ist,  so  kann  durch  die  unvermutete  und  schwer  kontrollierbare ­
  Verringerung  der  Wassertiefe  die  Benutzung  der  Verkehrsstraße  für  große  Fahrzeuge
auf  Monate  hinaus  unterbrochen  werden!
Tie  Abrutschnngen  bilden  aber  nicht  das  einzige  Damoklesschwert,  das  dauernd  über
der  Vollendung  und  Befahrbarkeit  des  Kanals  hängt.  Einen  weiteren  Gegenstand  schwerster
Sorge  bildet  die  Frage,  wie  man  der  Schlensenfahrstraße  ständig  die  erforderlichen  Wassermengen ­
  zuführen  soll.  Die  Niederschläge  im  Jsthmusgebiet  sind  in  vielen  Zeiten  des  Jahres
auffällig  gering;  die  Flüsse,  die  den  Kanal  speisen  sollen,  führen  oft  lange  Zeit  minimale
Wassermengen,  um  dann  gelegentlich  durch  einen  schweren  Regenguß  wieder  zu  reißender,
zerstörender  Stärke  anzuschwellen.  Es  scheint  heute  ziemlich  sicher  zu  sein,  daß  man  die
Wasserznführung  der  Flüsse  überschätzt  hat,  daß  der  gewaltige  Stausee  niemals  genügend
gefüllt  werden  wird  —  die  möglichen  Folgen  für  den  Kanalbetrieb  sind  dann  aber,  wie
sich  jeder  von  selbst  sagen  kann,  verhängnisvoll  genug!
XI  120o
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.