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Postverkehr.
Aussichten für die Einführung des einheitlichen Penny-Portos wenig günstg, und es stehen
nicht unerhebliche Bedenken der Durchführung dieser immer dringender werdenden Forde
rung entgegen; aber kommen muß die Zeit, in der die ganze Welt ein in Portofragen
einheitlich behandeltes Gebiet sein wird: die Entwickelung drängt mit unwiderstehlicher
Macht dahin!
Eine Neuerung des 20. Jahrhunderts sind gewisse Kombinationen zwischen
Briefen und Telegrammen, z. B. die Ozeanbriefe, deren Inhalt von einem fahren
den Schiff auf drahtlosem Wege an Land oder zu einem andren Schiff in geeigneter Fahrt
richtung telegraphiert werden, um dann von der nächsten Landstation als gewöhnlicher Brief
weiter befördert zu werden, oder die Brieftelegramme, die 1909 in Frankreich, am
1. Oktober 1911 in ganz Deutschland, zunächst nur versuchsweise, eingeführt wurden und
deren Eigenheit darin besteht, daß sie in den Abendstunden zwischen 7 und 12 Uhr nach
jedem beliebigen Ort mit Nachttelegraphendienst depeschiert werden können, um dann mit der
ersten Morgenpost von dort als Brief zur Bestellung zu gelangen. So kann z. B. ein
Kaufmann spät abends noch eine umfangreiche Nachricht (die Wortgebühr für die Brief
telegramme beträgt nur 1 Pfennig) bis zum nächsten Morgen sicher an einen Kunden oder
Lieferanten gelangen lassen, den ein gleichzeitiger abgehender Brief vielleicht erst am nächsten
Abend oder übernächsten Morgen erreichen würde. — Eine ähnliche Erleichterung für spät
abends abgehende Briefsachen sind die „ Spätlingsbriefe", die noch nach dem Postschluß auf
dem Bahnhof am Zuge in Empfang genommen und gegen eine kleine Gebühr sofort be
fördert werden. In englischen und in einzelnen amerikanischen Städten kannte man die
Spätlingsbriefe als „lots iss letters“ schon seit ein paar Jahren, am 1. November 1911
sind sie auch in Berlin zur Einführung gelangt und dürften bald auch andren deutschen
Großstädten beschert werden.
Tie zweifellos bedeutsamste Neuerung ans postalischem Gebiet stellt aber der sogenannte
Postscheck- oder Postgiro-Verkehr dar. Tie Anfänge dieser rasch zu kolossaler Bedeutung
gelangten Vcrkehrseinrichtung sind in Österreich zu suchen und gehen bis anfs Jahr 1883
zurück. Es gab in Österreich eine Postsparkasse, und es wurde nun damals die Einrichtung
getroffen, daß man von jeder Postanstalt aus Einzahlungen oder Zahlungsüberweisungen
ans andre Konten bei der Postsparkasse vornehmen konnte. Tie Neuerung bewährte sich
gut und wurde 1890 auch in Ungarn, 1906 in der Schweiz, 1909 in Deutschland, 1910
in Belgien eingeführh wobei auch diese einzelnen Länder miteinander durch Vermittelung
der Post in Scheckverkehr treten konnten. In Österreich und Ungarn vermittelten die Post
sparkassenämter den Verkehr, in Deutschland und in der Schweiz wurden eigne „Postscheck
ämter" eingerichtet, 9 im Reichspostgebiet, 3 in Bayern, 1 in Württemberg, 22 in der
Schweiz.
Der Umsatz der Postscheckämter hat in kurzer Zeit riesenhafte Summen erreicht. In
Deutschland wurden bereits Ende 1909 nicht weniger als 43929 Konten geführt, Ende
1910 60023, Ende 1911 74726. Der Umsatz betrug 1911 volle 29509 Millionen,
also fast 30 Milliarden Mark; in Österreich ist er ungefähr ebenso groß. — Nach den bis
her erzielten glänzenden Erfolgen kann es nicht zweifelhaft sein, daß der Postscheckverkehr
allmählich von den meisten Kulturländern angenommen werden wird. Italien und Japan
planen schon gegenwärtig seine Einführung, und sicher wird der Weltpostkongreß, der 1913
in Madrid stattffndet, diesen jüngsten Zweig der postalischen Betätigung weiter kräftig ge
deihen lassen.
Telexhonverkehr.
Der Tclcphonverkehr steht hinsichtlich der Schnelligkeit seiner Zunahme an der Spitze
aller Zweige des Verkehrswesens. Tie Zahl der jährlichen Gespräche beträgt allein im
Reichspostgebiet weit über eine Milliarde. Dennoch steht die Entwickelung des deutschen
Fernsprechwesens, relativ wie absolut, hinter dem andrer Länder ganz bedeutend zurück.
Weitaus am großartigsten entwickelt ist der Telephonbetrieb in den Vereinigten Staaten,