Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter. 277 
sollen. Der Beitrittszwang ist etwas zu allgemeines und zu 
formales, als daß die Bemühung um ilhn den großen Eifer der 
zunftlüsternen Handwerker erklären könnte, wenn nicht noch 
materielle Zwecke bestimmter Art hinter ihm lauerten. 
Schon mit unsern bisherigen Erörterungen ist eine An- 
deutung darüber gegeben, daß der Zunftzwang bald strenger 
bald weniger streng ausgesprochen und durchgeführt sein kann. 
Zum Teil setzten sich in dieser Beziehung die Handwerker ver- 
schiedene Ziele; namentlich aber beobachtete die städtische Obrig- 
keit abweichende Grundsätze oder eine wechselnde Verwaltungs- 
praxis. Wir erwähnen hier nur den bedeutungsvollen Komplex 
städtischer Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung mit 
den notwendigen Lebensmitteln, in dem die Zulassung fremder 
Konkurrenz gegenüber den heimischen Handwerkern eine große 
Rolle spielt. Je nach dem Grad, in dem fremde Gewerbetreibende 
zum sstädtischen Markt zugelassen werden, erhält der Zunft- 
zwang einen mildern oder schärfern Ausdruck. Gelegentlich 
ist die mittelalterliche Obrigkeit, um eine eigennützige Haltung 
der Handwerker zu bekämpfen, zur Aufhebung der Zünfte, 
d. h. dann eben des Zunftzwangs, vorgeschritten!). 
Versuchen wir nun, die materiellen Zwecke, die die Hand- 
werker mit dem Erwerb des Zunftzwangs verfolgen, zu er- 
mitteln, so steht uns bereits für das 12. Jahrhundert ein so 
reiches Quellenmaterial zur Verfügung, daß schon die Zunft- 
briefe?) dieses und einige des folgenden Jahrhunderts aus- 
reichen, um uns eine Anschauung von den Dingen zu geben. 
Eine Verwendung der spätern Zunfturkunden würde das Bild 
wohl noch etwas vervollständigen, aber doch nichts Wesentliches 
zu ihm hinzufügen. Wir seen uns zum Zweck, die Entstehung, 
1) Vgl. Luschin v. Ebengreuth bei Zimmermann, Gesch. der Stadt 
Vien, 1 S. 437 f.; A. Bruder, Finanzpolitik Hz. Rudolfs IV. v. Oster- 
reich S. 65 ff.; Th. Neubauer, S. 535 (Erfurt 1264); Ztschr. f. Soz.- 
u. WG. 4, S. 269. Hum Teil haben die mittelalterlichen Zunftver- 
bote politische Gründe. 
?) Jett bequem vereinigt bei Keutgen, Urkunden zur ftädtischen 
Verfassungsgeschichte S. 350 ff.
	        
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