Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

278 V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter.
nicht die gesamte Bildungsgeschichte der Zünfte zu schildern.
Freilich dürfen wir nicht bloß die in den Urkunden überlieferten,
 ausgesprochenen Motive tür die Zunstbildung bei den
Handwerkern voraussezen. Die Zunftbriefe machen, wie es
die allgemeine Art mittelalterlicher Verbriefungen ist, nur das
namhaft, was gerade im Augenblick der Auszeichnung einen
Stützpunkt bildet. Man konnte schon die Zunft als eine bekannte
Institution vorausseßen. Die ältesten Zünfte sind älter als
die ältesten Zunftbriefe!"). Wenn man eine Zunft verlangte,
brauchte man im allgemeinen nicht anzugeben, warum und
wie man sie zu haben wünschte; ältere Zünfte in derselben
Stadt und Zünfte in einer älteren Stadt dienten als praktische
Vorbilder?). Indessen obwohl wir hiernach damit rechnen müssen,
 daß uns manche Motive entgehen, so können uns doch die
Zunftbriese als Grundlage der Untersuchung dienen; denn es
darf als bemerkenswert angesehen werden, daß gerade die be
stimmten Streitpunkte, deren sie Erwähnung tun, hervortreten.
Und es ist eine Fülle von Motiven, die uns begegnet, eine Fülle
namentlich wirtschaftlicher Motives). Es gibt vielleicht nichts,
was uns die starke Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens in
den deutschen Städten des 12. Jahrhunderts so anschaulich
macht wie die bunte Menge der Motive, die die alten Urkunden
für die Zunftbildung vorführen.
!) Über Anknüpfungspunkte, die die ältesten Zünfte vorfanden,
s. meinen Art. Gilden im Wörterbuch der Volkswirtschaft und H. Z.
106, S. 286 ff.. Die Meinung, daß die deutschen Zünfte des Mittelalters
 an die alten römischen Kollegia anknüpfen, ist heute aufgegeben,
während für das miitelalterliche Italien ein Zusammenhang zum
Teil noch verteidigt wird. Vgl. hierzu meinen Art. Collegia im Wörterbuch
 der Volkswirtschaft; Stöckle, Spätrömische und byzantinische
Zünfte (1911); Gehrig, Jahrbücher für Nationalökonomie 97, S. 547 ff.
?) Wie auch die Zunftbriefe sogar verschiedener Gewerbe voneinander
 abhängen, dafür liefern die Baseler Urkunden interessante
Belege (Keutgen, Urkunden S. 367 ff.).
z) Über Schmollers Behauptung, daß „das KGunftwesen nationalökonomisch
 überhaupt nicht zu erklären ist“", s. Ztschr. für Sozialwissenschaft
 1904, S. 311. Gegen eine solche Anschauung vgl. auch
v. Lösch S. 54, 99 u. 133.
            
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