Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter. 279
Zwar lassen sich nicht alle Forderungen der Handwerker,
die in den Zunftbriefen zur Sprache kommen, mit Sicherheit
als Motive der Zunftbildung deuten. Ein häufiger Gegenstand
der Erörterung ist die Regelung der Leistungen, zu denen die
Handwerker gegenüber dem Stadtherrn und seinen Organen
oder der Stadtgemeinde verpflichtet sind. Es wird etwa das
Maß der Leistungen fixiert und gegen Ansprüche begehrlicher
Beamten gesichert!). Ohné Zweifel konnten die Ziele, die die
Handwerker sich hier steckten, im Rahmen der Zunft leichter
erreicht werden: die Vereinigung zur Gemeinschaft verlieh
ihnen größere Kraft. Dieser Erfolg trat ganz gewiß ein. Aber
es fehlt die Möglichkeit des Nachweises, daß die Handwerker
von dem Bewußtsein getragen wurden, durch die Vereinigung
Größeres erringen zu können?). Eine andere Frage wäre es,
ob etwa die Verteilung der öffentlichen Lasten und die Ordnung
der staatlichen Verwaltung überhaupt die Obrigkeit dahin geführt
 haben, von sich aus Handwerkerverbände zu schaffen,
aus denen sich dann allmählich autonome Zünfte entwickelt
hätten. Diese (von Keutgen begründete) „Ämtertheorie“ entbehrt
 jedoch, wie angedeutet, der Beweiskrast. Am ehesten
ließe sich aus ihr die Anschauung verteidigen, daß die Obrigkeit
 durch die örtliche Verteilung der einzelnen Handwerkergruppen
 (Zuweisung in bestimmte Straßen) der späteren Zunftbildung
 vorgearbeitet habe. Förderlich mag ihr ein solches
Beisammenwohnen in der Tat gewesen sein®). Indessen abgesehen
 davon, daß die örtliche Verteilung der einzelnen Handwerkergruppen
 keineswegs allgemeines Prinzip und, soweit
sie vorkam, keineswegs lediglich Werk der Obrigkeit war, so
handelt es sich hier um eine günstige Voraussetzung sür die
Zunftbildung, nicht um ein direktes Motiv. Hingegen findet
sich in den älteren Zunftbriefen ein Anhaltspunkt für eine verwandte
 Theorie, die Ansicht Philippis, daß „der erste und haupt-1)
 Vgl. Würzburg 1128.
. 2) Man darf hier freilich auf das instinktive Streben nach Zusammenschluß
 hinweisen. Vgl. v. Lösch S. 51.
3) Vgl. v. Lösch, Westdeutsches Ztschr. 1904, S. 74.
            
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