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Die Eisenbahnen: Bauliches.
Nach dem bahnbrechenden Gesetz von der Erhaltung der Energie, das der Heilbronner
Arzt Robert Mayer 1841 entdeckte, sind ja mechanische Arbeit, Elektrizität, Licht, Wärme,
Magnetismus, chemische Energie lediglich verschiedene Formen ein und derselben ur
sprünglichen Energie, hier in unserem Falle der durch die Sonnenwärme in dem Wasser
falle aufgespeicherten. Auf diesem hochwichtigen Gesetze beruht der wirtschaftliche Segen,
den in unserer Zeit der Ingenieur durch Nutzbarmachung der Naturkräfte (Wasser, Wind,
Wärme) vermittelst mechanischer und elektrischer Kraftübertragung überall zur Geltung
bringt. Am St. Gotthard hatte man (1873—1882) an beiden Mündungsstellen des großen
Tunnels umfangreiche Kraftstationen errichtet, in denen das Wasser der Reuß und des
Tessin Turbinen antrieb, die ihrerseits Luftkompressoren bewegten zur Erzeugung von
Druckluft, die in großen eisernen Behältern angesammelt wurde. Diese trieb die Luft
bohrmaschinen im Tunnel, setzte die Lokomotiven der Materialzüge in Bewegung, lüftete
die Tunnelstrecken u. s. w. Mit ihnen war je eine Maschinenwerkstätte verbunden für die
Ausbesserung von Schäden, Prüfung der Bohrmaschinen u. s. w. Eine große Brücke über
die Reuß diente bei Göschenen zur Verbindung mit dem Zufahrtswege. Nach Fertig
stellung des Tunnels wurden die beiden Maschinenanlagen mit Zubehör wieder beseitigt.
Am großen Arlbergtunuel hatte man ähnliche ausgedehnte Maschinenanlagen für
die Tnnnelarbeiten geschaffen, nur wurde auf der einen Seite Druckluft wie am Gotthard,
auf der anderen Druckwasfer benutzt, um die Bohrmaschinen u. s. w. in Bewegung zu setzen.
Auf beiden Seiten des seit Herbst 1898 in Angriff genommenen Simploutunnels sind
großartige Maschinenanlagen geschaffen. Ihre Kostspieligkeit erhellt schon aus dem
Umstande, daß insgesamt 4400 Pferdestärken durch Turbinen für Beleuchtung, Lüftung,
Bohr- und andere Arbeitszwecke nutzbar gemacht werden, wohl das Höchste, das bisher im
Tunnelbau geleistet worden ist. Die teils in Beton, teils in Eisen hergestellte Wasserzuleitung
aus der Rhone bei Brig und Diveria bei Jselle hat eine Gesamtlänge von 9 km. Bei der
jetzt im Bau befindlichen Jungfraubahn, deren offene Zufahrtsstrecke Kleine Scheidegg-
Eigergletscher (einschließlich eines 84 m langen Tunnels) am 19. September 1898 feierlich
eröffnet wurde, setzt man die in einer Turbinenanlage aus der weißen Lütschine unten im
Thal bei Lauterbrunnen gewonnene Energie durch Dynamomaschinen in Elektrizität um,
die auch zum Betriebe der Bahn dient. Eine 1350 in lange und 1,8 in weite Röhren
leitung liefert das Druckwasser für die Turbinen, die bis 2650 Pferdestärken nutzbar machen
können. Die Turbinen sind mit den Dynamos direkt gekuppelt. Der mit 7000 Volt Span
nung erzeugte Drehstrom wird mittels dreier blanker Kupferdrähte nach einer Transformator
station auf der Kleinen Scheidegg (2064 m über dem Meeresspiegel) geleitet; desgleichen
nach einer solchen auf der Station Eigergletscher (2319 m über dem Meeresspiegel). Hier,
im Bereich des ewigen Eises, ist eine Maschinenstation mit Werkstätte und Magazinen er
richtet, von der aus die elektrischen Bohrmaschinen im Tunnel (früher auch die Pumpe für
Druckwasser zum Ausspülen der Bohrlöcher*) und der Ventilator zum Lüften nach den
Sprengungen angetrieben und von wo aus auch die Glühlampen im Tunnel und an der
*) Bis 1899 standen elektrische Drehbohrmaschinen in Benutzung. Sie arbeiteten geräuschlos
und recht zufriedenstellend, waren jedoch zu kostspielig in der Unterhaltung und sind deshalb durch
die dauerhafteren Stoßbohrmaschincn der „Union-Gesellschaft Berlin" ersetzt worden. Diese Maschinen
machen 400 Stöße in der Minute, bedürfen keiner Ausspülung ihrer Bohrlöcher, erzeugen aber
Lärm, wenn auch schwächer als der der Ferrouxschen Luftdruck-Bohrmaschinen, welche den
Gotthardtunnel (S. 128) erbohrt haben. Im Sommer 1899 war der große Jungsrautunnel
auf etwa 900 m Länge fahrbar und erfreute sich einer starken Benutzung durch die Reisenden.
An seinem oberen Ende liegt die erste Tunnelstation „Rothstock" auf 2520 na Höhe über dem
Meeresspiegel, von der die Rothstockwand bequem zu ersteigen ist. Nahe der Station sind zwei
Felskammern für Werkstatt- und Schmiedezweckc ausgesprengt, sowie ein Scitenstollen, um das
losgesprengte Tunnelgestein durch ihn in den Abgrund stürzen zu können Die hohe Strom
spannung von 7000 Volt wird bei weiterem Vortreiben des Tunnels in Abständen von etwa
1 km auf die für den Zugbetrieb erforderliche Nntzspannung von 600 Volt herabgemindert. Die
elektrischen Lokomotiven entwickeln 300 Pferdestärken und vermögen 2 Personenwagen mit
80 Reisenden auf 250 °/ 00 bergauf mit etwa 8 km Stundengcschwindigkeit zu befördern. Bis zum
Gipselaufzuge mißt der zu erbohrende Tunnel rund 10 km. Täglich können 3 bis 4 m Tunnel
länge hergestellt werden. Die Bauarbeiten erstrecken sich somit noch über eine Reihe von Jahren.