Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

256  Eisenbahnen:  Personenwagen.
Die  Ansichten  über  die  elektrische  Zngbeleuchtung  in  Bezug  auf  ihre  wirtschaftliche
Seite  sind  zur  Zeit  noch  sehr  geteilt.  Die  Anlage  ist  teuer,  und  die  Eisenbahnen  müßten
bei  Einführung  dieser  Beleuchtungsart  ihre  bisherigen,  oft  kostspieligen  Einrichtungen
beseitigen.  Die  preußische  Staatsbahnverwaltung  hat  z.  B.  für  die  Gasbeleuchtung  etwa
12  Millionen  Mark  verausgabt.  Die  Umänderung  ihrer  Wagen  für  elektrische  Beleuchtung
würde  mindestens  20  Millionen  Mark  erfordern.  Nur  wenige  kleinere  Eisenbahnverwaltungen
  haben  das  elektrische  Licht  bis  jetzt  durchweg  für  Personeuzüge  eingeführt,
so  z.  B.  die  Dortmund-Gronau-Enscheder  Bahn,  die  Marienburg-MIawka  Bahn,  dieJura-Simplon
  Bahn.  Die  letztere  Bahn  mit  rund  l000  km  Betriebslänge  und  475  für
elektrische  Beleuchtung  eingerichteten  Personenwagen  ist  allerdings  in  der  vorteilhaften
Lage,  den  elektrischen  Strom  zu  mäßigem  Preise  beziehen  zu  können.  In  Biel  und
Freiburg  befinden  sich  durch  Turbinen  betriebene  Elektrizitätswerke,  die  außer  dem
Laden  der  Sammelbatterien  für  die  Wagen  auch  die  elektrisch  erleuchteten  Bahnhöfe
und  Werkstätten  mit  Licht  und  Arbeitsenergie  versorgen.  Den  entfernteren  Stationen
werden  die  geladenen  Wagenbatterien  durch  besondere  Sammelwagen  zugeführt.  Unter
solch  günstigen  Verhältnissen  ist  allerdings  die  elektrische  Zugbeleuchtung  billig.
Neu  zu  erbauende  Bahnen  oder  solche,  die  noch  nicht  die  Gasbeleuchtung  eingeführt
haben  und  ihre  Wagenbeleuchtnng  verbessern  wollen,  können  unter  Umständen  von  dem
elektrischen  Glühlicht  vorteilhaft  Gebrauch  machen.
Es  ist  aber  zu  beachten,  daß  neuerdings  dem  elektrischen  Glühlicht  ein  gewichtiger
Mitbewerber  in  dem  Acetylen  entgegengetreten  ist.  Dieses  Gas  wird  aus  Karbid,  das
ist  ein  aus  Kohle  und  Kalk  in  der  hohen  Temperatur  des  elektrischen  Lichtbogens  erzeugter ­
  Körper,  in  denkbar  einfachster  Weise  hergestellt.  In  Wasser  gelegt,  entwickelt  derselbe ­
  das  bekannte  Acetyleugas,  das  eine  ungemein  große  Leuchtkraft  besitzt.  Ohne  auf
seine  Eigenschaften  näher  einzugehen,  genüge  hier  anzuführen,  daß  es  nach  eingehenden
Versuchen  der  Firma  Pintsch  vorteilhaft  ist,  ein  Gemisch  aus  3  Teilen  Fettgas  und  1  Teil
Acetylen  zu  brennen.  Ein  solches  „Mischgas"  ist  nicht  gefährlicher  als  das  Ölgas,
ist  daher  auch  in  diesem  Punkte  dem  reinen  Acetylen  überlegen.  Die  teuren  Gaseinrichtungen ­
  unserer  Bahnen  können  hierbei  unverändert  weiter  benutzt  werden,  und
die  Helligkeit  der  Gasflammen  ist  eine  dreimal  größere  gegenüber  der  reinen  Fettgasflamme. ­
  Damit  dürfte  allen  Ansprüchen  auf  Wagenbeleuchtung  vorläufig  genügt
sein,  steigt  doch  damit  die  Leuchtkraft  der  Gasflamme  von  8  bis  auf  24  Kerzenstärken. ­
  Bezogen  auf  eine  Kerzenstärke  stellt  sich  zudem  das  Mischgas  billiger  als  das
Fettgas.  Schon  1898  wurden  die  Wagen  der  Berliner  Stadtbahn  damit  erleuchtet,
und  nachdem  jetzt  die  Acetylenanstalten  an  den  Hanptlinien  errichtet  und  in  Thätigkeit
gesetzt  sind,  werden  auch  die  Personenwagen  der  übrigen  Linien  des  preußischen  Netzes
sowie  alle  anderen  für  Fettgas  eingerichteten  deutschen  Wagen  mit  Mischgas  erhellt;
das  Ausland  folgt.
Trotz  des  von  gewissen  Seiten  angefeindeten  Staatsbahnsystems  sehen  wir,  daß
dasselbe  in  Preußen  stets  an  der  Spitze  des  Fortschritts  marschiert.  Auch  in  dem  neuen
Jahrhundert  findet  der  Reisende  in  keinem  Lande  für  sämtliche  Wagenklassen  so  bequeme,
gut  geheizte  und  erleuchtete  Wagen  wie  im  deutschen  Vaterlande,  insbesondere  in  dessen
führendem  Staate.  Die  in  London  erscheinende  technische  Zeitschrift  ,,Railway  News“
sagt  bei  Erörterung  der  Eisenbahugesetzgebung  Preußens  am  Schluffe  ihrer,  unser  Eisenbahnwesen ­
  behandelnden  Besprechung:  „Es  gibt  kein  Land,  welches  so  zahlreiche  Bequemlichkeiten ­
  und  Erleichterungen  im  Eisenbahnverkehr  genießt,  wie  Deutschland."
Bremsen.  Zweck  der  Bremse  ist,  die  Fahrgeschwindigkeit  der  Züge  und  einzelner
Fahrzeuge  zu  regeln  oder  behufs  Anhaltens  ganz  zu  vernichten.  Je  schneller  ein  Zug
fährt,  um  so  größer  ist  die  in  ihm  aufgespeicherte  lebendige  Kraft.  Sie  wächst  mit  dem
Quadrat  der  Geschwindigkeit.  Beispielsweise  besitzt  ein  viermal  schneller  fahrender  Zug
das  Sechzehnfache  an  lebendiger  Kraft  wie  vorher.  Ein  mit  90  km  i.  d.  Stunde  fahrender
Schnellzug  hat  eine  ebenso  große  lebendige  Kraft  in  sich  aufgespeichert,  wie  sie  das  den
Lauf  eines  Riesengeschützes  verlassende  Geschoß  in  sich  birgt.  Nach  dem  Gesetz  von  der
Erhaltung  der  Arbeit  wird  diese  lebendige  Kraft  in  Arbeit  umgesetzt,  wenn  der  Zug
            
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