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Eisenbahnen: Personenwagen.
lustbehältern aufgespeicherte Lustvorrat zum Teil in die Bremscylinder geschickt und zum
Bremsen verwertet. Es tritt dann die sogenannte Betriebsbremsnng ein, wie sie für ge
wöhnlich den Lauf der Züge regelt. Liegt aber Gefahr vor und soll der Zug möglichst schnell
zum Halten kommen, so öffnet der Lokomotivführer mit schnellem Ruck das ganze Brems
ventil. Jetzt dringt nicht nur die Hilfsbehülterluft in die Bremscplinder ein, sondern infolge
der nun in den Funktionsventilen vor sich gehenden größeren Bewegungen der Steuerteile
auch ein Teil der Leitungslnft. Dadurch wird aber sowohl die Bremskraft erhöht, als auch
namentlich die Bremswirkung ungemein rasch durch den ganzen Zug fortgepflanzt. Von der
Lokomotive ans gerechnet wird jedes folgende Funktionsventil durch die Druckverminderung
am vorhergehenden umgesteuert, so daß an jedem Wagen Luft aus der Leitung in den Brems
cylinder übertritt. Wie erwähnt, vergehen bei den längsten Zügen (50 Wagen) nur zwei
Sekunden zwischen dem Anliegen der Klötze am ersten und letzten Wagen. Diese winzig
kleine Zeit kennzeichnet wohl zur Genüge die Bedeutung der genialen Erfindung Westing-
houses für den modernen Zugverkehr.
Luftpumpe.
Luftdruckmesser.
Abdampf
Frischdampf
Bremsventil-
Luftbehälter.
Hauptluftbehälter.
264. Mestinghonse-SchnrUkrernfe: Teile für die Lokomotive.
Reißt ein mit der selbstthätigen Luftdruckbremse ausgestatteter Zug in mehrere Teile, so
wird jeder für sich infolge der entweichenden Leitungsluft sofort gebremst. Jeder Reisende
kann von seinem Abteil aus die Bremse in Thätigkeit setzen. Durch Ziehen eines an der
Wagendecke befindlichen Griffes wird ein Verschlußhahn i» der Luftleitung geöffnet, durch den
dann die Luft ins Freie entweicht. Der Handgriff ist gegen Mißbrauch durch eine Schnur
mit Bleisiegel gesichert. Ist er gezogen, so verbleibt er in dieser leicht erkennbaren Stellung,
bis der Hahn durch den Zugbeamten geschlossen wird, was nur von der Außenseite des
Wagens ans möglich ist.
Sämtliche Hauptbahnen Deutschlands benutzen die Bremse bereits oder werden
damit zur Zeit ausgestattet, in Nordamerika und Rußland steht sie auch bei vielen Güter
zügen in Benutzung. Bis Anfang 1899 waren 58 252 Lokomotiven und 969 043 Wagen
mit ihr ausgerüstet, darunter befanden sich nur 2787 Lokomotiven und 9796 Wagen mit
der älteren, nicht selbstthätigen Westinghouse-Bremse.
Die Luftsaugebremse ist zwar einfacherer Bauart, aber ihr Betriebsdruck kann immer
nur kleiner sein als die Pressung unserer Atmosphäre, daher sie auch Niederdrnckbremse
genannt wird. Infolgedessen erfordern schwere Wagen große, oft auch mehrere Brems
cylinder. — Dahingegen arbeitet die Luftdruckbremse mit fünf- bis achtmal so hohem