Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Signalformen.  279
ausreichend  znm  Erteilen  der  verschiedenen  Signale,  dort  kombinierte  man  zwei  und  drei
gleichfarbige,  dort  alle  drei  verschiedenen  Farben  zur  Herstellung  der  geforderten  Zeichen.
So  kam  es  denn,  daß  die  acht  Begriffe,  die  durchgehende  Signale  auszudrucken  haben,  in
166  Formen  auf  deutschen  Eisenbahnen  auftraten  und  es  den  denkenden  Techniker  beim
Durchblättern  der  Signalbücher  der  verschiedenen  Linien  unwillkürlich  anmutet,  als  hätten
sich  hier  Kollegen  auf  Durchführung  des  Scherzes  das  Wort  gegeben,  daß  jeder  für  jeden
Begriff  ein  neues  Signalzeichenwesen  erdenken  und  ins  Leben  führen  solle."
Der  aufmerksam  beobachtende  Eisenbahnreisende  konnte  aus  einer  Fahrt  von  der
Isar  nach  dem  Nordseestrande  oder  vom  Rhein  zum  Rhin  eine  ganze  Musterkarte  dieser
Signalungeheuerlichkeiten  studieren.  Die  für  die  Eisenbahnen  eines  großen  Landes  so
notwendige  Einheitlichkeit  im  Signalwesen  war  hier  in  das  grellste  Gegenteil  verwandelt.
In  England  sah  es  im  ersten  Jahrzehnt  des  Eisenbahnbetriebes  nicht  viel  besser
aus.  Auch  dort  war  Buntscheckigkeit  in  den  Signalbildern  zu  Hause,  auch  dort  bedeutete
auf  einer  Bahn  ein  Signal  „Halt",  das  auf  einer  anderen  „Fahrt"  anzeigte.  Doch  bald
erkannte  man  die  zwingende  Notwendigkeit,  diesen  Mißstand  zu  beheben.  Schon  im  Frühjahre ­
  1841  hatten  sich  die  Verwaltungen  auf  ein  einfaches,  klar  durchdachtes  Signalwesen ­
  geeinigt.  Es  war  freilich  auch  dort  in  Anbetracht  des  starken  Verkehres  mit  seinen
vielen  und  starken  Zügen  weit  dringender  geboten,  als  zu  jener  Zeit  in  Deutschland.  Auch
war  eine  einheitliche  Regelung  in  jenem  Einheitsstaate  viel  leichter  durchführbar,  als  in
dem  derzeit  so  sehr  partikularistisch  angehauchten  deutschen  Staatenbunde.
Solange  deutsche  Züge  nur  das  eigene  Bahngebiet  befuhren,  wurde  der  Mangel
einheitlicher  Signalformen  nicht  sonderlich  empfunden,  was  aber  sofort  der  Fall  war,  als
der  wachsende  Verkehr  eine  Durchführung  der  Züge  durch  verschiedene  Gebiete  erheischte
und  Knotenpunkte  mit  gemeinschaftlichem  Bahnhöfe  für  mehrere  Bahnlinien  entstanden.
Recht  fühlbar  trat  dieser  Mißstand  im  Jahre  1866  zur  Zeit  des  preußisch-österreichischen ­
  Krieges  auf,  als  es  galt,  die  preußischen  Militärzüge  nach  und  von  den  Kriegsschauplätzen ­
  zu  befördern.  An  die  Aufmerksamkeit  und  die  Besonnenheit  des  Bahnhofsund ­
  vor  allem  des  Lokomotivpersonales  wurden  damals  die  höchsten  Anforderungen  gestellt,
mußte  doch  letzteres  häufig  ihm  unbekannte  Linien  befahren,  deren  Signalformen  völlig
von  den  gewohnten  abwichen.  Man  half  sich  hier  anfangs  durch  geringe  Fahrgeschwindigkeit ­
  und  in  der  Folge  auch  durch  Verwendung  weniger,  einheitlicher  Signale.  Wohl  traten
vereinzelt  unliebsame  Stockungen  auf,  aber  die  Zahl  der  Unfälle  blieb  doch  verhältnismäßig
klein.  Hatte  somit  der  Krieg  den  Nutzen  einheitlicher  Signale  für  die  deutschen  Bahnen
gezeigt,  so  erfolgte  ihre  Einführung,  trotz  darauf  hinzielender  Bemühungen  des  Vereins
Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen,  doch  noch  nicht  so  bald;  denn  selbst  jetzt  fanden  sich
immer  noch  gewichtige  Gegner  des  einheitlichen  Signalwesens,  die  in  ihm  Nachteile  für
die  Weiterbildung  desselben  erblicken  wollten.  Es  bedurfte  dazu  erst  noch  der  Erfahrung
des  Krieges  von  1870/71,  der  das  Klägliche  und  Schädliche  der  deutschen  Signalbuntscheckigkeit
  recht  ernst  und  eindringlich  klar  legte,  als  von  Beamten  der  verschiedensten
nord-  und  süddeutschen  Bahnen  der  Betrieb  auf  einem  großen  Teil  des  französischen
Netzes  durchzuführen  war.  Als  dann  die  politische  Einheit  unseres  Volkes  auf  den
französischen  Schlachtfeldern  fertig  geschmiedet  war,  da  trat  auch  hier  endlich  der  ersehnte
und  so  notwendige  Wandel  ein.  Am  4.Januar  1875  wurde  vom  Reichskanzler  eine  durch
den  Bundesrat  festgesetzte  einheitliche  und  sehr  einfach  gehaltene  Signalordnung  für
die  Eisenbahnen  Deutschlands  erlassen,  die  am  1.  April  jenes  Jahres  in  Kraft  trat.
Seitdem  gilt  auf  allen  Maschen  des  ausgedehnten  deutschen  Bahnnetzes  ein  und  dieselbe
Form  für  den  gleichen  Signalbegriff.  Nur  in  Bayern  bestehen  zur  Zeit  noch  einige
Ausnahmen.
Die  deutsche  Signalordnung,  welche  1885  in  neuer,  sodann  1892  in  weiter  vereinfachter ­
  Fassung  herausgegeben  und  1898  in  einigen  Punkten  abgeändert  und  ergänzt
wurde,  kennt  nur  30  Signalbegriffe.  Sie  sind  in  folgende  9  Gruppen  zusammengefaßt:
1.  Signale  mit  elektrischen  Läutewerken  und  Hornsignale;  2.  Handsignale  der  Wärter
und  Scheibensignale;  3.  Signale  am  Signalmast;  4.  Vorsignale;  5.  Signale  an  Wasserkränen;
  6.  Weichensignale;  7.  Signale  am  Zuge;  8.  Signale  des  Zugpersonalcs,
9.  Rangiersignale.
            
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