Vergleich der Hoch- und Tiefbahnen. 349
und Annehmlichkeit des Fahrens zweifellos die Berliner Bahn. Ihre 4 Gleise — zwei
für den eigentlichen Stadt- und Vorortverkehr, zwei für den Fernverkehr der Außenlinien
— liegen zumeist auf Steinbögen und etwa 5 bis 7 na über dem Straßenpflaster.
Der Reisende leidet nicht unter Rauchplage, wie sie anderen Bahnanlagen eigen ist, ihn
umgibt nicht Dunkelheit, sondern er erhält in stetem Wechsel einen Ausblick auf das Häuser
meer mit seinen belebten Straßen, den Parkanlagen u. s. w. Das ist ein großer Vorzug
dieser Stadtbahn, die auch in ihrer Gesamtwirkung keineswegs das Städtebild stört. In
vollstem Gegensatz zu ihr steht natürlich die Untergrundbahn, besonders, wenn diese durch
Dampflokomotiven betrieben wird. Hier werden dunkle Tunnel durchfahren oder günstigen
falls tiefe Einschnitte, deren Mauern ebenfalls den Ausblick hindern. Die Tunnellust ist
häufig sehr schlecht, weil stark mit Rauchgasen durchsetzt, kurzum, eine Fahrt auf solcher
Bahn ist wenig angenehm. Besser sind in Bezug ans die Lnftverhältnisse die elektrisch
betriebenen Tiesbahnen, wie überhaupt dieser Betrieb ob seiner Reinlichkeit und sonstigen
Vorzüge für Stadtbahnen vorzuziehen ist.
Die amerikanischen Hochbahnen wiederum fallen durch ihre derbe und unschöne An
ordnung auf, die die Straßen verunstaltet und die Häuser entwertet. Auch leiden die An
wohner durch den Lärm der Züge und in New Jork durch den Lokomotivrauch. Ebenso
ist die Liverpooler Hochbahn kein Muster gefälliger Bauart. Alle diese Bahnen würden
schwerlich in einer Großstadt des europäischen Festlandes in dieser Ausführung Nach
ahmung finden. Vorteilhaft gegen sie stößt die zur Zeit im Bau begriffene Berliner
elektrische Hochbahn ab. Hier ist nicht lediglich die Rücksicht auf den Zweck der Anlage
ausschlaggebend gewesen, sondern es ist auch auf eine möglichst gefällige Form des
Eisengerüstes gehalten worden, soweit sich solche bei einem derartigen Nutzbau und Bau
stoff erreichen läßt. Gewinnen können allerdings die Straßen wohl niemals durch
Hochbahnen. Man darf aber anderseits auch nicht die ästhetischen Rücksichten allzusehr
in den Vordergrund schieben, ist doch der Nutzen einer Stadtbahn für die großstädtische
Bevölkerung ein erheblicher und ist die Entlastung der Straßen eben nur durch eine solche
Anlage zu erreichen, wenn man nicht zur Tiefbahn greifen will.
Um den Straßen möglichst wenig Lust und Licht zu nehmen und ihr Außeres weniger
zu beeinträchtigen, sind in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Vorschläge zu eigen
artigen, jene Übelstände wesentlich mildernden Hochbahnen gemacht worden. In erster
Sinie ist man darauf bedacht gewesen, den Gleisunterbau möglichst schmal zu gestalten
und die Wagen über seine Längsträger, neben sie oder unter sie zu hängen. Gleichzeitig
hat man nur eine Fahrschiene oder zwei nahe aneinander gerückte Schienen benutzt und
die seitlichen Schwankungen der Wagen in Gleisbögen, bei Wind u. s. w. gewöhnlich durch
Stützschienen verhindert, ans oder gegen die sich die Wagen mittels Rollen stützen. Solche
Bahnen mit nur einer Fahrschiene hat man wohl Einschienenbahnen genannt, obgleich diese
Bezeichnung nur für die weiter unten erörterte Langensche Hänge- oder Schwebebahn
zutreffend ist. Der Ausdruck „Hänge- bezw. Schwebebahnen" ist übrigens auch üblich
für alle diese Bahnen, gleichgültig, ob die Wagen durch mehrere Schienen abgestützt werden
oder frei an einer einzigen Schiene hängen. Über ihre Entwickelung und Einzelheiten ist
am Schluffe dieses Abschnittes näheres gebracht. Einige der bemerkenswerteren Stadt
bahnen seien hier kurz erörtert.
Die Londoner Untergrundbahnen.
Aus der S. 86 beigefügten Tafel des Londoner Eisenbahnnetzes sind die Untergrund
bahnen in rot dargestellt. Die Hauptlinie unterfährt in einer unregelmäßigen Ellipse den
mittleren Teil des Londoner Hänsermeeres. Sie heißt „Jnnenring", ist 21 km lang und
berührt 27 Stationen, deren Entfernung voneinander bis auf 300 irr herabgeht, ^znr
Westen schließt sich ein zumeist oberirdisch geführter halbkreisartiger Gleiszug mit acht
Stationen an, der sogenannte Mittelring, von dem wieder eine den ganzen Norden Londons
burchziehende oberirdische Linie, Außenring genannt, ausläuft. Alle drei Junge wer en
don Untergrundzügen befahren; die letzteren beiden auch von zahlreichen Borortzugen
verschiedener Hauptbahnen, so daß durch die Untergrundlinien eine vortreffliche -ver e)r,-