384 Brücken und Viadukte.
Aber auch in dein Lande der Mitte, in China, ließ das weitverzweigte Fluß- und
Kanalnetz zahlreiche Brücken entstehen. Eines der chinesischen Bauwerke dieser Gattung,
der Viadukt von Chaohing, verdient wegen der schier unglaublichen Arbeitsaufwendung
ein näheres Eingehen. Der genannte Viadukt (unter Viadukt versteht man ein Bauwerk,
das aus einer größeren Anzahl Brückenöffnungen besteht) liegt an der Bai von Hang-
tschou, d. h. jener Stadt, die Marco Polo mit dem Namen Quinsai bezeichnete, in der
Provinz Tschekiang. Keine der im Occident erbauten Straßen kann sich nach dem
Geographen Reclus mit dem von den Chinesen vor mehr als tausend Jahren erbauten
Werke messen. Der Viadukt von Chaohing hat eine Länge von nicht weniger als 144 km
und setzt sich aus etwa 40 000 Bogenöffnungen zusammen, die einen Weg von 1% m
Breite tragen. Zwischen den Städten Ningpo und Juyao ist der Berg Taying in einer
Höhe von 500 in durch enorme Steinbrüche durchschnitten, die als Gewinnungsstellen für
das Brückenbaumaterial gedient haben. Der Bau datiert wahrscheinlich aus einer Periode,
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in welcher die ganze Gegend nichts weiter als ein großer Sumpf war. Gegenwärtig hat
der Viadukt, da das Land trocken gelegt ist, zwar seine Bedeutung verloren, aber seine
solide Herstellung gestattet, daß er nach wie vor als Weg und als Leinpfad für den daneben
liegenden Kanal benutzt werden kann.
Wie sich die Mönche im Mittelalter der Baukunst, besonders dem Baue von Kirchen
widmeten, so ließen sich einzelne Mönchsorden auch die Herstellung von Brücken angelegen
sein. In dieser Beziehung ist namentlich der Orden der Benediktiner zu nennen, aus dem
der Gründer der sogenannten Brückenbrüder hervorging. Der Stifter dieser Bruder
schaft, die im Jahre 1189 vom Papste Clemens III. bestätigt wurde, war der französische
Benediktinermönch Bênezèt.
Die Tradition schildert die erste Bethätigung des genannten Mönches, welcher später
Bischof wurde, in der dem Mittelalter eigenen naiven Art und Weise folgendermaßen:
„Benedictus war von Beruf Schäfer und wurde eines Tages infolge einer Vision zu
einem Brückenbaue über die Rhone bei Avignon begeistert. Im Alter von zwölf Jahren
ging er nach der Stadt und verkündete dem Volke den Zweck feiner Ankunft. Dabei unter
stützte er seine Worte durch so merkwürdige Thatsachen, daß man sofort die höhere Hand
erkannte, die ihn leitete, und ihn so kräftig handeln ließ, daß er, seiner Jugend ungeachtet,
sein Werk mit großem Erfolge beginnen und vollenden konnte. Um die Bewohner von