Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

448  Flußkanalisierungen.

kanalisierung  zur  Anwendung  gekommen.  Man  hat  sich  dort  aber  wieder  den  Nadelwehren ­
  zugewandt,  da  die  Bewegung  der  Zahnstange  oft  durch  Versandung  oder  dazwischen ­
  geklemmte  Steine  gehemmt  worden  war.
Auch  durch  Wasserdruck  selbstthätig  sich  öffnende  und  schließende  Klappenwehre  hat
man  erfunden.  Sie  sind  aber  nur  bei  den  Speisebecken  einiger  Kanäle  und  für  Bewässerungsanlagen ­
  in  Anwendung  gekommen,  denn  für  die  Schiffahrt  waren  sie  unbrauchbar,  weil
sie  die  Öffnung  nicht  ganz  freigeben.  In  dem  in  Abb.  450  dargestellten  Klappenwehre
ist  die  Klappe  mittels  Drehpunkt  P  an  dem  Schwimmer  befestigt,  der  seinerseits  sich  um
den  Punkt  v  dreht.
Nach  ähnlichen  Gesichtspunkten  sind  die  für  Schiffsdurchlässe  und  Floßgassen  sehr
zweckmäßigen  Trommelwehre  gebaut.  Sie  bestehen  aus  einer  zweiteiligen  Klappe,  die
um  eine  wagerechte,  auf  der  Wehrkrone  liegende  Achse  P  drehbar  ist.  Der  kleinere,  nach
rechts  gerichtete  Teil  stellt  die  Stauwand  dar,  der  untere,  größere  liegt  in  einer  im  Wehrkörper ­
  ausgesparten,  kreiscylindrischen  Kammer,  welche  von  allen  Seiten  verschlossen  ist
und  durch  die  aufrechtstehende  Klappe  in  zwei  Teile  zerlegt  wird.  Beide  sind  durch  einen
Kanal  sowohl  mit  dem  Ober-  als  auch  Unterwasser  in  Verbindung  zu  bringen.  Je  nachdem ­
  man  nun  das  Oberwasser  auf  der  einen  oder  der  anderen  Seite  der  großen  Klappe
wirken  läßt,  richtet  sich  dieselbe  auf  oder  legt  sich  nieder,  und  zwar  geschieht  diese  Bewegung ­
  in  sehr  kurzer  Zeit;  an  dem  Wehre  im  Floßdurchlaß  der  Küddow  bei  Tarnowske
  z.  B.  in  wenigen  Minuten.
Die  Verbesserungen  dieser  Anlage  zielen  alle  darauf  hin,  die  Abmessungen  des
größeren  Klappenteils  und  damit  den  Raum  der  Kammern  zu  vermindern,  da  man  dadurch
besonders  bei  großen  Stauhöhen  bedeutend  an  Gründungstiefe  spart.  Die  angewandten
Konstruktionen  mögen  hier  als  zu  sehr  ins  einzelne  gehend  nicht  besonders  erwähnt  werden.
Zum  Schluffe  sei  noch  auf  eine  an  einem  Kanal  in  Südfrankrcich  angewandte
besondere  Bauart  eines  Wehres  hingewiesen.  Dort  kreuzt  der  Kanal,  welcher  Cette
mit  der  Rhône  verbindet,  einen  der  kleinen  Küstenflüsse  des  Mittelmeeres.  Die  sehr  plötzlich ­
  eintretenden  Hochwasser  des  Flusses  mußten,  weil  sie  viel  Sinkstoffe  führten,  vom
Kanal  abgehalten  werden.  Man  brauchte  dazu  ein  Wehr,  das  mit  geringer  Bedienungsmannschaft ­
  gegen  einen  Überdruck  von  1,75  m  zu  schließen  war.  Als  Stauwand  wählte
man,  entsprechend  versteift,  einen  genügend  hohen  Streifen  eines  Kreiscylindermantels,
dessen  gedachte  Achse  quer  über  dem  Kanäle  lag.  An  den  Usern  war  dieser  Streifen  je
an  ein  durch  eine  Winde  bewegliches  Rad  von  gleichem  Durchmesser  befestigt.  Schließen
und  Öffnen  wurde  mittels  einer  entsprechenden  Drehung  des  Rades  durch  einen  Mann  in
wenig  Minuten  bewirkt.  Die  Einrichtung  hatte  außerdem  noch  den  Vorteil,  daß  keine
Teile  des  beweglichen  Wehres  auf  der  Krone  befestigt  waren  und  die  ganze  Stauvorrichtung ­
  leicht  über  Wasser  gefördert  werden  konnte.  Die  Breite  des  Wehres  betrug
20  in,  die  Kosten  rund  11  000  Mark.  Auch  in  Charlottenburg  befindet  sich  am  Werderscheu
  Mühlgraben  ein,  allerdings  etwas  anders  konstruiertes  Cylinderwehr.
Welche  von  den  hier  beschriebenen  Bauarten  im  einzelnen  Falle  am  zweckmäßigsten
ist,  müssen  die  örtlichen  Umstände  ergeben.  Im  allgemeinen  werden  für  Flußkanalisierung
noch  immer  die  Nadelwehre  vorzugsweise  angewandt,  wenigstens  auf  Flüssen,  die  einen
starken  Eisgang  haben,  und  wo  nicht  zu  große  Stauhöhen  gefordert  werden.  Wo  plötzlich
eintretende  und  starke  Anschwellungen  zu  befürchten  sind,  besteht  die  Gefahr,  daß  °  der
Bedienungssteg  des  Nadelwehres  vor  gänzlicher  Niederlegung  desselben  schon  überflutet
wird.  Es  steht  dann  meist  eine  Zerstörung  der  Wehranlage  zu  erwarten.  Noch  schlimmer
aber  ist  der  Schaden,  den  das  nunmehr  aufgestaute  Hochwasser  in  der  Umgebung  des
Wehres  anrichtet.  Man  wendet  deshalb  neben  dem  Nadelwehr  noch  eine  andere  Konstruktion ­
  an,  die  es  gestattet,  vom  hochwasserfreien  Ufer  aus  einen  beträchtlichen  Teil  des
Wehres  schnell  niederzulegen,  so  daß  dadurch  eine  wesentliche  Erniedrigung  des  Aufstaues
herbeigeführt  wird.  Dadurch  erleichtert  man  nicht  nur  das  Niederlegen  des  Nadelwehres,
sondern  man  verlängert  auch  die  dazu  verfügbare  Zeit.  Die  Floß-  und  Schiffsdurchlässe
bieten  für  solche  Anlagen  eine  besonders  passende  Gelegenheit,  denn  sie  sind  meistens  nicht
so  breit,  als  daß  nicht  ein  Trommelwehr  oder  eine  ähnliche  Konstruktion  anwendbar  wäre.
            
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