Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 471
ugendvoll seinen Abscheu gegen solchen Handel: „will meinen
Darmstädter Brüdern nichts nehmen, Armut und Edelsinn besser,
habe noch nie den Weg Rechtens verlassen“: wundersame Worte
m Munde dieses Herren. Dann stichelte er auf Bismarck und
entließ den preußischen Gesandten mit den Worten: „Ich muß
Sie als Friedensbrecher ansehen.“
Schon am 16. brach General Beyer über Wetzlar und
Gießen gegen Kurhessen auf; der Kurfürst konnte nicht mehr
mobil machen; nur etwa fünftausend Mann seiner Truppen
stießen noch zur Bundesarmee bei Frankfurt; am 19. Juni
wurde er in Kassel gefangen genommen und später nach Stettin
gebracht.
In Hannover überreichte der preußische Gesandte die
Forderung am Morgen des 15. Juni. Beinahe gleichzeitig
flellte Rudolf von Bennigsen im Landtag einen Antrag auf
Erklärung der Neutralität. Nach langem Schwanken fixierte
die Regierung gegen Mitternacht eine verneinende Antwort,
bat aber für die Überreichung noch um Aufschub. Allein mit
Glockenschlag zwölf Uhr erklärte der preußische Gesandte den
Krieg.
Um vier Uhr morgens, am 16. Juni, reiste König Georg
mit seinen Ministern nach Göttingen ab, wo sich sein Heer
sammeln sollte; um sechs Uhr morgens desselben Tages brachen
Manteuffel und Goeben von Harburg und Minden her in
Hannover ein. Am 17. wurde die Festung Stade überrumpelt,
am gleichen Tage hielten Falckenstein und Goeben in Hannover
Einzug. Am 19. Juni gelangte Manteuffels Korps mit seiner
Spitze nach Hannover; worauf Goeben nach Göttingen weiterging.
Der Eindruck dieser Ereignisse in Deutschland war außer⸗
ordentlich: in drei Tagen waren drei Staaten besetzt, die damals
etwa fünfzigtausend Mann hätten aufbringen können. Die Folge
war, daß alle nord- und mitteldeutschen Kleinstaaten mit wenigen
Ausnahmen sich Preußen fügten.
Inzwischen sammelte sich die hannoversche Armee notdürftig
uim Göttingen. Die Absicht war, von hier aus direkt nach
Süden zu die Vereinigung mit den Süddeutschen, vor allem