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Die Welttelegraphie.
Schwierigkeiten, welche die großen Entfernungen, die Kosten des Transports der Mate
rialien und ungünstige klimatische Verhältnisse bereiten, sind die beiden Hauptstädte mit den
entferntesten und wichtigsten Städten des Reichs und mit allen Grenzen der benachbarten
Staaten Europas sowie über den Kaukasus mit Persien telegraphisch verbunden worden.
Die Korrespondenz des westlichen Europa und Amerika mit Persien, Indien und Australien
wird über Warschau, Kertsch und Djulfa, die mit China und Japan über Sibirien, be
ziehungsweise Wladiwostok besorgt. Infolge der großen Entfernnngeu zwischen den
russischen Städten ist die Zahl der Stationen nur gering im Verhältnis zur Leitungs
länge, doch werden fortwährend in rascher Folge neue Stationen eröffnet. Auch die
Gesamteinnahme ist seit dem Jahre 1860 in fortwährendem Steigen gewesen; sie betrug
damals noch nicht eine volle Million Rubel und stieg im Jahre 1865 bis auf 2 Millionen.
Im Jahre 1874 stellte sich die gesamte Einnahme ans 19 552 309 Frank, während
die Ausgabe 15 983 485 Frank betrug. Im Jahre 1896 erreichten die Einnahmen
56 903 224 Frank. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas besaßen 1896
306 632 km Linien mit 1344 811 km Leitung; die Anzahl ihrer Telegraphenanstalten
belief sich auf 21 666 und die Summe der im Jahre 1896 beförderten Telegramme auf
58109 860, welche die Einnahme von 112 847 895 Frank erzielten.
Gleich den Eisenbahnen haben sich die Telegraphen seit der verhältnismäßig
sehr kurzen Zeit ihres Bestehens vollständig in das Volksleben eingebürgert. Sie sind
bereits ein so unentbehrliches Hilfsmittel für die Anforderungen des heutigen Zusammen
lebens der Menschheit geworden, daß dessen zeitweilige Aufhebung, wie es durch die
letzten großen Kriege geschah, die empfindlichsten Störungen im Verkehr mit sich bringt.
Fällt auch der größte Teil der telegraphischen Arbeit auf kaufmännische Geschäfte, so
umfaßt ihr Dienst doch zugleich die wichtigsten Interessen des Staates wie die gering
fügigsten Seiten des Privatlebens. In den europäischen Kultnrstaaten ist fast jede Stadt
in das allgemeine Telegraphennetz gezogen. Die fortgesetzte Verminderung des Tarifs
hat eine immer allgemeinere Benutzung zur Folge; alle Schattierungen von Lust und
Schmerz, der einfache Glückwunsch wie die Botschaft über Tod und Leben werden dem
stummen und schnellen Gedankenleiter anvertraut. Man konsultiert Ärzte aus der Ferne,
bestellt schon unterwegs sein Nachtlager in einem fremden Ort; ja man heiratet wohl
selbst, wie es vor kurzem zwischen Boston und New Pork geschehen sein soll, per Telegraph.
Ja, für einige der wichtigsten Seiten des öffentlichen Lebens ist heutzutage der Telegraph
eine unerläßliche Wohlthat. Seitdem zuerst in England 1842 ein Mörder auf der Flucht
mit Hilfe des Telegraphen zur Haft gebracht wurde, ist die Ausübung der Polizei ohne
dieses Hilfsmittel kaum mehr denkbar; sein Dienst bei der Feuerwehr in großen Städten
hat sich als wirksamster Schutz gegen die Ausbreitung des zerstörenden Elements erwiesen;
die Sicherheit des Eisenbahnbetriebs hängt zum großen Teil von ihm ab, durch ihn er
hielt die Meteorologie eine ganz neue Richtung und in den Sturmsignalen praktische An
wendung; durch ihn wird endlich der Güter- und Warenaustausch beschleunigt und an
Orte oder nach Gegenden, wo ein Notstand sich fühlbar macht, mit entsprechender
Schnelligkeit herangeführt oder auch genügende Hilfe gegen die Macht hereinbrechender
Elemente mit verdoppelter Eile herbeigerufen. So übt der elektrische Telegraph aus alle
Verhältnisse des Lebens, indem er den Verkehr der Menschheit unendlich vervielfältigt,
eine ganz unberechenbare Rückwirkung, deren Folgen nur der Bildung und Gesittung zu
gute kommen. Daher ist auch, was wir schon oben andeuten konnten, keine andere Ver
kehrseinrichtung in gleichem Maße auf die internationale Pflege angewiesen, und mit
Recht gebührt in dieser Hinsicht unser Dank den einflußreichen Bestrebungen der inter
nationalen Telegraphenvereinigung, welche, von den Abgesandten der Hauptstaaten be
schickt, alle drei Jahre regelmäßige Generalkonferenzen abhält, außerdem besondere
Kommissionen für häufigere Vorberatungen delegiert und durch diese Organe das inter
nationale Band im Interesse des Telegraphenverkehrs immer enger zu ziehen und zu
festigen sucht. Zuerst in Paris 1865 begründet, hatte diese Institution, deren dauernd
thätiges Lrrreau international unter den Schutz der Schweiz gestellt ist und zu Bern seinen
Sitz hat, in der zweiten Konferenz zu Wien hauptsächlich die Ordnung der technischen