Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

Die Bevölkerung nach Beruf und Erwerb. 901 
Wichtigkeit der Auswandererfrage nicht dadurch täuschen lassen, daß die Auswanderung 
aus Deutschland gegenwärtig eine geringe ist. Schon ein Umschwung in der augen 
blicklich günstigen Lage unserer Industrie kann eine Wiederkehr der hohen Auswanderungs 
ziffer früherer Jahre herbeiführen. Außerdem ist die Bevölkerungszunahme in Deutsch 
land eine so rasche, daß man für das 20. Jahrhundert eine Auswanderung von etwa 
20 Millionen als wahrscheinlich bezeichnen muß. Das Beispiel Englands zeigt, was 
für ein mächtiger Faktor eine derartige Auswanderung für die nationale Entwickelung 
ist. Deutschlands Aufgabe wird es sein, sich ihn durch Sicherung der geschlossenen An 
siedelungen im Auslande, wie unmittelbar durch Erwerbung von Ackerbaukolonien im 
v ollen Maße nutzbar zu machen. 
Die Bevölkerung nach Beruf und Erwerb. 
Von der Gesamtmasse der Bevölkerung kommt für die erwerbende Thätigkeit nur 
die kleinere Hälfte in Betracht. Ein großer Teil der Menschen ist schon durch die Natur 
von der Arbeit überhaupt ausgeschlossen. Es sind dies die Kinder, die noch nicht, und 
die Greise, die nicht mehr arbeitsfähig sind. Aber auch wenn man von diesen großen 
Gruppen absieht und die im Vergleich dazu geringe Zahl jener, die sich absichtlich der 
Arbeit entziehen, von der Gesamtbevölkerung in Abzug bringt, deckt sich der Rest noch 
nicht mit der Zahl der erwerbsthätigen Personen. Die gesamte Arbeit im Haushalte, 
soweit sie nicht von bezahlten Dienstboten, für die sie Lebensberuf und Broterwerb ist, 
sondern von der Hausfrau und den Familienangehörigen geübt wird, wird in den Be 
rufsstatistiken nicht zur erwerbenden Thätigkeit gerechnet, weil sie, so wichtig sie sein 
mag, nicht unmittelbar den Zwecken des Erwerbes dient. Die Zahl der Erwerbs 
thätigen in den wichtigsten europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten, 
sowie ihr Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist in der nebenstehenden Tabelle (S. 900) 
enthalten. 
Im Mittel beträgt hiernach die Zahl der Erwerbsthätigen in den Kulturländern 
etwa 42—45°/ 0 der Gesamtbevölkerung, in Deutschland 42,? °/ 0 und beinahe eben 
soviel in Frankreich und Belgien, nur daß in diesen beiden Ländern das weibliche 
Geschlecht etwas stärker, das männliche etwas schwächer an der Berufsarbeit beteiligt ist. 
Der oberen Grenze des Durchschnittes nähert sich die Schweiz, Großbritannien 
und Irland. In der Schweiz ist dies ausschließlich auf die stärkere Heranziehung des 
weiblichen Geschlechtes zum Erwerb begründet. In Großbritannien ist jedoch die Ver 
hältniszahl der Erwerbsthätigen für das männliche und weibliche Geschlecht höher als in 
Deutschland, was um so beachtenswerter erscheint, als der Begriff der Erwerbsthätigkeit 
gerade von der englischen Statistik sehr enge gefaßt wird und insbesondere alle mit 
helfenden Familienmitglieder von der Zählung ausgeschlossen sind, so daß bei Anwendung 
der gleichen Zählungsgrundsätze wie in Deutschland die englische Berufsstatistik einen 
noch größeren Anteil der Erwerbsthätigen an der Gesamtbevölkerung ausweisen würde. 
Ähnlich wie in England hat man auch in den skandinavischen Ländern, den 
Niederlanden und den Vereinigten Staaten von Nordamerika die mithelfenden 
Familienangehörigen von der Einreihung unter die Erwerbsthätigen zum großen Teile 
ausgeschlossen, wodurch sich das zum Teil recht erhebliche Zurückbleiben dieser Länder 
hinter den oben angegebenen Durchschnittsziffern erklärt. Man wird kaum fehl gehen, 
wenn man in Berücksichtigung dieses Umstandes für das Verhältnis der Erwerbsthätigen 
zur Gesamtbevölkerung hier ähnliche Zahlen annimmt wie in Deutschland. Umgekehrt 
ist man in Österreich und Italien mit der Einreihung der mithelfenden Familien 
mitglieder unter die Erwerbsthätigen sehr weit gegangen. In Italien mag allerdings 
die weite Verbreitung und besonders genaue Erfassung der Kinderarbeit dazu beigetragen 
haben, die Ziffer der Erwerbsthätigen zu erhöhen. Jedenfalls übersteigt sie in beiden 
Ländern sehr wesentlich die Höhe, die sie bei Anwendung gleicher Zählungsgrundsätze 
wie in Deutschland erreichen würde. Bei gesonderter Betrachtung der Zahlen für beide 
Geschlechter ergeben sich für die männliche Bevölkerung 60—64%, für die weibliche
	        
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