Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Afrikanische  Ost-West-Bahnen.  Australien.  Überlandbahn  nach  Indien.  959g
sein,  denn  wiederholt  wechselt  die  Spurweite  und  macht  ein  Umsteigen  der  Personen  und
ein  Umladen  der"  Güter  erforderlich.
Nur  der  Vollständigkeit  halber  kurz  erwähnt  seien  zwei  australische  Überlandbahnprojekte, ­
  die  Sydney  und  Brisbane  lebhaft  befürworten,  während  die  anderen  australischen
Hauptstädte  sie  als  schädlich  ablehnen:  nämlich  Sydney  —  Pt.  Darwin  und  Sydney—
Derby.
Tic  wichtigsten  Überlandbahnpläne  knüpfen  aber  doch  wieder  an  den  größten  Erdteil ­
  an,  an  Asien,  und  erstrecken  sich  auf  eine  Zugänglichmachung  Indiens  und  des  Persischen ­
  Golfes  mit  Hilfe  des  Schienenweges.
Eine  direkte  Überlandbahn  Europa—Indien  konnte  schon  seit  30  und  mehr  Jahren ­
  bestehen,  wenn  nicht  politische  Momente  ein  bisher  unwiderrufliches  Veto  eingelegt
hätten.  Tie  russischen  Bahnen  in  Transkaspien  haben  bereits  1885  Merw  und  1898
Kuscht  an  der  nordafghanischen  Grenze  erreicht,  anderseits  sind  die  indo-britischen  Bahnen
im  Süden  gleichfalls  schon  bis  nach  New  Chaman  in  unmittelbarer  Nähe  der  afghanischen
Grenze  vorgedrungen.  Das  Grenzgebirge  Chodscha  Amrum  ist  von  den  Engländern  durch
einen  Tunnel  durchbrochen  worden,  der  es  ihnen  ermöglichen  würde,  mit  großer  Schnelligkeit ­
  die  Bahn  über  New  Chaman  bis  nach  dem  nicht  mehr  fernen  Kandahar  zu  verlängern,
von  wo  die  Weiterführung  nordwärts  über  Herat  nach  Kuschk  technisch  keine  allzu  hohen
Anforderungen  mehr  stellen  würde.  Aber  die  russischen  wie  die  britischen  Bahnen  sind
gezwungen,  an  der  afghanischen  Grenze  haltzumachen,  nicht  aus  Respekt  vor  der  Unabhängigkeit ­
  Afghanistans  und  dem  Wunsche  seines  Emirs,  sein  Land  eisenbahnrein  zu
erhalten,  sondern  lediglich  aus  dem  Bewußtseiu  der  beiden  europäischen  Nationen  heraus,
daß  jedes  politische  Vordringen  der  einen  oder  anderen  über  die  Grenzen  des  ohnehin
nur  schmalen  Pufferstaates  Afghanistan  unter  Umständen  einen  kriegerischen  Zusammenstoß ­
  von  unabsehbaren  Folgen  zwischen  der  größten  Seemacht  und  der  ausgedehntesten
Landmacht  Europas  nach  sich  ziehen  könnte.  In  diesem  Bewußtsein  stehen  England  und
Rußland  seit  nahezu  einem  Vierteljahrhundert  längs  der  afghanischen  Grenze  gegenüber.
Und  unter  diesem  Zustand  leiden  die  friedlichen  Bedürfnisse  der  Kulturvölker,  ihr  Handclsund
  Verkehrsleben  aufs  schwerste.  Wäre  nämlich  nicht  die  gegenseitige  Eifersucht  Englands
und  Rußlands  und  die  englische  Befürchtung  vor  der  russischen  Invasion  in  Indien  ein
unüberwindliches  Hindernis,  so  wäre  zweifellos  ein  Uberlandverkehr  zwischen  Europa  und
Indien  durch  Afghanistan  hindurch  scholl  seit  langer  Zeit  geschaffen  worden,  und  die  Welt
wäre  um  eines  der  wertvollsten  Verkehrsmittel  reicher:  von  London  würde  man  dann  in
neun  Tagen  nach  Bombay,  in  zehn  nach  Kalkutta  gelangen  können.
Ta  die  indische  Bahn  durch  Afghanistan  hindurch  in  absehbarer  Zeit  keinesfalls  zustande ­
  kommen  wird,  obwohl  das  fehlende  Stück  von  650  Irrn  im  Verhältnis  zur  Gesamtstrecke
  nur  so  groß  ist,  als  ob  etwa  auf  der  Berlin-Wiener  Bahn  die  kleine  Linie  Dresden—
Aussig  fehlen  würde,  so  wurde  in  den  letzten  Jahren  mit  wachsender  Häufigkeit  der  Gedanke ­
  einer  transpersischen  Bahn  nach  Indien  erörtert,  welche  den  kaukasischen  Bahnen
Rußlands  eine  Verlängerung  in  der  Diagonale  durch  Persien  und  Belutschistan  nach  Indien
gewähren  soll.  Rußland  und  England  haben  über  diese  Bahn  verhandelt,  verschiedene
große  Banken  haben  über  die  Finanzierung  beraten,  allgemein  begegnet  der  Gedanke,  dessen
Verwirklichung  eine  neue,  beträchtliche  Verkürzung  der  Entfernungen  auf  Erden  herbeiführen ­
  würde,  größter  Sympathie  —  und  dennoch  darf  man  es  als  rundweg  ausgeschlossen
betrachten,  daß  er  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  werden  wird,  einmal  deshalb,  weil  die
Bahn  zum  größten  Teil  durch  wirtschaftlich  ziemlich  wertloses  Gebiet  laufen  müßte,  vor
allem  aber  deshalb,  weil  die  Wünsche  der  Russen  und  der  Engländer  über  den  indischen
Endpunkt  der  Bahn  in  einem  derartig  schroffen  Gegensatz  zueinander  stehen,  daß  eine
Einigung  ganz  unmöglich  zu  sein  scheint.  Die  Russen  habe»  nämlich  nur  dann  Interesse
an  der  Bahn,  wenn  diese  ihnen  eine  strategische  Bedrohung  Indiens  ermöglicht;  für  die
Engländer  jedoch  ist  der  ganze  Plan  nur  diskussionsfähig,  wenn  eine  solche  strategische
Bedrohung  ihres  indischen  Besitzes  unter  allen  Umständen  ausgeschaltet  ist.  Demgemäß
wird  Rußland  das  umstrittene  Projekt  nur  verfolgen,  wenn  Schikarpur  oder  ein  andrer
            
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