Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

959 k 
Kleinere neue Bahnbauten von Bedeutung. 
/ 
durchschneiden soll. — Die südliche Verlängerung über Bagdad ist für das deutsche Unternehmer- 
interesse verloren gegangen. Doch ist auch ohnedies mit dem Vertrag vom 21. März 1911 schon 
viel erreicht worden. 
Die weitaus wichtigste Aufgabe der Bagdadbahn besteht bekanntlich in der Wieder 
belebung der alten Kulturländer Kleinasiens, Mesopotamiens und Babyloniens, die nur 
der geduldigen Arbeit, der Bewässerung und — der Eisenbahn harren, um die Welt aufs 
neue mit reichen Bodenschätzen mannigfacher Art zu versorgen. Ähnlich wie bei der 
Sibirischen Bahn, wird auch im Betriebe der fertigen Bagdadbahn der Überlandverkehr 
von Meer zu Meer für die Personenbeförderung von ungleich größerer Bedeutung sein 
als für den Gütertransport, der die hohen Beförderungskosten der Eisenbahn nur ganz 
ausnahmsweise würde vertragen können. Um so wichtiger wird aber die Bagdadbahn in 
volkswirtschaftlicher Beziehung wieder für die Ein- und Ausfuhr der von der Bahn durch 
zogenen Länder sein. 
Von höchster Bedeutung wird dereinst auch der Anschluß der Bagdadbahn an das 
in Persien neu entstehende russische Bahnnetz sein, der ebenfalls seit der Potsdamer Zaren- 
znsammenkunft vom Herbst 1910 als gesichert gelten kann. Es ist für die deutsche Bagdad 
bahn nach ihrer Fertigstellung eine Abzweigung von Bagdad nach Chanikin an der per 
sischen Grenze in Aussicht genommen. Nach der Entstehung eines Eisenbahnnetzes in Persien 
wird sich dann ganz von selbst dereinst ein Anschluß von Bagdad an die persischen Bahnen 
ergeben. Damit aber eröffnet sich gleichzeitig die Aussicht auf einen Ausbau der Bag 
dadbahn zu einem Überlandwege vom Bosporus bis Indien. 
Diese durch Kleinasien, Mesopotamien und Persien laufende indische Überlandbahn 
würde sogar erheblich kürzer sein als die transpersische oder die transafghanische; auch 
würde für sie die Frage nicht brennend sein, ob ihr letztes Stück vor dem Übertritt nach 
Indien an der Küste oder im Binnenland verläuft, denn für die Deutschen, die Türken 
und Perser hat die genannte Bahn nur friedliche, keine strategische Bedeutung, und sie 
haben daher keine Veranlassung, sich der von England zum Schutz gegen russische Jn- 
vasionsgelüste aufgestellten Forderung der Küstenführnng zwischen Bender Abbas und 
Kurratschi zu widersetzen. — Demnach scheinen die Aussichten, daß die seit Jahrzehnten 
ersehnte Überlandbahn nach Indien dereinst unter Vermittlung der deutschen Bagdadbahn 
ins Leben treten wird, nicht ungünstig zu sein, günstiger jedenfalls als die jedes andren 
konkurrierenden Planes. 
2. Kleinere neue Vahnbsuken von Bedeutung. 
In dem vorliegenden Absatz über die neuen Hanptlinien des Weltverkehrs zu Lande 
mußte unser Erdteil Europa naturgemäß fehlen, da hier die großen Überlandlinien seit 
langem bereits bestehen. Abkürzungen und Beschleunigungen auf bestehenden Hauptstrecken 
durch Neubauten sind zwar noch an manchen Stellen möglich, insbesondere dort, wo größere 
Gebirgszüge der Verbindung benachbarter Landesteile erhebliche Schwierigkeiten in den 
Weg legen; aber im übrigen ist Europa, zum wenigsten in seinen wichtigsten zentralen 
und westlichen Teilen im allgemeinen „eisenbahngesättigt", so daß die neu entstehenden 
Linien, so ivichtig sie im allgemeinen sein mögen, doch im wesentlichen nur mehr lokale 
Bedeutung haben. Während die oben behandelten außereuropäischen Überlandlinien in der 
Hauptsache neue Eilverbindungen zwischen Gebieten schaffen, die bisher gar nicht oder nur 
auf langwierigen und unbequemen Seereisen miteinander in Menschen- und Güteraustausch 
treten können, ist der europäische Kontinent in fast allen seinen wesentlichen Teilen seit 
langem durch ein Netz von Schienenwegen überspannt, und die neu auftauchenden Be 
strebungen sollen im wesentlichen nur verbessern, nicht neu schaffen. 
Nur zwei Länder Europas sind bis heute noch vollkommen vom übrigen Bahnnetz 
des Erdteils abgeschnitten und können lediglich auf dem Seewege daran Anschluß finden. 
Das eine ist natürlich das Jnselreich Großbritanien, das andere ist Griechenland. — 
Daß England und mit ihm Schottland und Irland noch auf eine nicht immer angenehme
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.