Kapitel II. Adam Smith.
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besonderes Gewerbe, sondern sie teilt sich in eine Anzahl von Zweigen,
von denen die meisten wiederum besondere Gewerbe sind. Der eine
zieht den Draht, ein anderer streckt ihn, ein dritter schneidet ihn
ab, ein vierter spitzt ihn za, ein fünfter schleift ihn am oberen Ende,
wo der Kopf angesetzt wird; die Herstellung des Kopfes erfordert
zwei oder drei verschiedene Tätigkeiten; das Ansetzen desselben ist
eine besondere Tätigkeit, das Weißglühen der Nadel eine andere; ja
sogar das Einlegen der Nadeln in Papier bildet ein Gewerbe für sich.
So ist das wichtige Geschäft der Stecknadelfabrikation in ungefähr
18 verschiedene Verrichtungen geteilt, die in manchen Fabriken alle von
verschiedenen Händen vollbracht werden, während in anderen zuweilen
zwei oder drei derselben von einem einzigen Manne besorgt werden.
Ich habe eine kleine Fabrik dieser Art gesehen, wo nur 10 Menschen
beschäftigt waren, und manche daher zwei oder drei verschiedene
Verrichtungen zu erfüllen hatten. Obgleich nun diese Menschen sehr
am und darum nur leidlich mit den nötigen Maschinen versehen
waren, so konnten sie doch, wenn sie sich tüchtig daran hielten, in
einem Tage zusammen etwa 12 Pfund Stecknadeln liefern. 1 Ptund
enthält über 4000 Nadeln von mittlerer Größe. Diese zehn Personen
konnten demnach täglich über 48000 Nadeln hersteilen 1 ).“
Diese Beschreibung gibt sehr gut wieder, wie in der Gesell
schaft der auf sich allein angewiesene Mensch kaum die aller-
nötigsten seiner Bedürfnisse befriedigen könnte, während er durch
die Arbeitsteilung und den Gütertausch seine Produktion und seinen
V' ohlstand verhundertfacht.
Daraufhin untersucht Smith die Gründe dieser Macht der
Arbeitsteilung und führt sie auf drei Hauptursachen zurück; Die
große Fertigkeit, die jeder Arbeiter, der sich nur stets mit derselben
Tätigkeit befaßt, erlangt; — die Zeitersparnis, die dadurch gewonnen
wird, daß man nicht ständig von einer Beschäftigung zur anderen
übergeht, — endlich die Erfindungen und Vervollkommnungen, welche
stete Beschäftigung mit derselben Arbeit denen, die sie alle Tage
a nsüben, ganz natürlich nahe legt.
Man hat Smith vorgeworfen, den Vorteilen der Arbeitsteilung
nicht ihre Nachteile gegenübergestellt zu haben. Dies lag in seinem
Plan und ist ohne wirkliches Interesse. Die Hauptsache ist, daß er
Sle nicht übersah, denn niemand hat sie klarer als er ins Licht
gesetzt. I m 5. Buche führt er in bezug auf die öffentliche Erziehung
^ US: „Je weiter die Teilung der Arbeit fortschreitet, um so mehr
kommt es endlich dahin, daß die Beschäftigung des größten Teiles
derer > die von ihrer Arbeit leben, d. h. der Masse, auf einige wenige
0 Völkerreichtum I, Ö. 3—4, B. I, Kap. I.
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