328 Siebentes Buch. Zweites Kapitel.
klar, wie schon hier innere Mächte der deutschen Entwickelung
selbst miteinander stritten. Gegen eine erste Periode deutschen
Christentums mit einer rein äußeren Aufnahme des neuen
Glaubens wandte sich feindlich eine zweite Periode, ein Zeit—
alter erstmaliger innerer Annahme dieses Glaubens: ein jüngeres
Zeitalter, ein Zeitalter, dessen neuer Odem im Laufe des
LI. Jahrhunderts fast alle religiös angeregten Laien ergriff.
Konnte unter diesen Umständen die alte Auffassung von
der Kirche siegen mit all den Einrichtungen, die an ihr
lebten? Es war unmöglich. Nichts ist charakteristischer, als
daß die Päpste schon früh gerade die deutschen Laien gegen den
Staat als den Vertreter der alten Auffassung mobil machen
konnten, daß der neuen Auffassung schon Herrscher wie Hein—
rich II. und Heinrich III. geneigt gewesen waren: eben die
Entwicklung des nationalen Geisteslebens selbst, soweit es
religiösen Dingen zugewendet war, beseitigte den alten Zustand.
Die Tragik dieses Vorganges aber war es, daß durch ihn
wesentliche Stützen der deutschen Monarchie des 10. und
11. Jahrhunderts und damit wesentliche Momente der natio—
nalen Staatsbildung überhaupt fielen — nach der Natur der
Dinge fallen mußten.
Aber dies allein war noch nicht die ganze Fülle des nun—
mehr hereinbrechenden nationalen Unglücks. In dem Augen—
blick, da sich der Kampf zwischen Reich und Papsttum, Staat
und Kirche erregter gestaltete, tauchten zugleich in Deutschland
auch andere innere Schwierigkeiten auf, deren Wurzeln weit
bis in die Regierung wenigstens Heinrichs III. zurückreichten,
und für die es von vornherein als wahrscheinlich gelten konnte,
daß sie mit dem unvermeidlichen Kampfe gegen Rom in eins
zusammenrinnen würden.
Sachsen hatte schon seit dem Übergang der deutschen Krone
an außersächsische Geschlechter angefangen eine besondere
Stellung im Reiche einzunehmen. Unter Heinrich III. zog sich
dann die Reichspolitik von den nordöstlichen Grenzen zurück;
dem sächsischen Erzbischof von Bremen und Hamburg und dem
sächsischen Herzog, den großen Mächten des äußersten Nordens