Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

30  Allgemeines  und  Spezielles  über  Entwicklung  und  Stand  der  Wohlfahrtspflege.
Für  die  LEHRLINGSAUSBILDUNG  UND  -FORTBILDUNG  finden  wir  wieder  bei  Bayer
&Co.  hervorragende  Einrichtungen.  Bevor  die  Lehrlinge  den  Werkstätten  überwiesen  werden,
durchlaufen  sie  einen  dreijährigen  Ausbildungskursus  in  der  Lehrlingsschule.  Eine
obligatorische  Fortbildungsschule  befindet  sich  innerhalb  der  Werksanlagen,  die  im  Jahre
1911  von  252  Schülern  besucht  war.  —  Auch  die  Werkzeugmaschinenfabrik  Ludwig
Löwe  &  Co.,  A.-G.,  Berlin,  besitzt  eine  Lehrlingsschule,  in  der  sämtliche  Lehrlinge  freien
Unterricht  in  Mathematik,  Zeichnen,  Grundzüge  der  Mechanik  und  Chemie,  und  zwar  nicht
nach  Fabrikschluß,  sondern  während  der  Arbeitszeit  erhalten  können.  Niemand  wird
gezwungen,  am  Unterricht  teilzunehmen,  doch  haben  bis  jetzt  alle  Lehrlinge  ohne  Ausnahme
freiwillig  die  Lehrlingsschule  besucht.  —  Die  Firma  Rob.  Tümmler  in  Döbeln  erteilt
durch  tüchtige  Fachleute  den  Lehrlingen  kostenfreien  Unterricht  im  Zeichnen  und  Modellieren. ­
  —  Die  Firma  Orenstein&  Koppel,  Berlin  usw.,  läßt  ihren  Lehrlingen  Unterricht
in  fremden  Sprachen  erteilen.  —  Die  Unterrichtskurse  der  Firma  E.  Breuninger,  Stuttgart, ­
  sind  für  die  jüngeren  Angestellten  obligatorisch,  für  die  älteren  (in  Fremdsprachen)
fakultativ.  Die  Kurse  sind  sämtlich  unentgeltlich.  —  In  der  Waffenfabrik  Mauser,
A.-G.,  Oberndorf,  erhalten  die  Lehrlinge  (seit  1890:458)  gleichzeitig  während  ihrer  praktischen ­
  Ausbildung  wissenschaftliche  Fortbildung  in  der  Oberndorfer  staatlichen  Gewerbeschule. ­
  Es  knüpft  sich  an  diese  Unterrichtsteilnahme  keinerlei  Verpflichtung  für  die
spätere  Beschäftigung.  —  Mustergültige  Lehrlingsausbildung  ist  auch  in  der  Württembergischen
  Metallwarenfabrik,  Geislingen.  —  Recht  beachtlich  erscheint  die
Aufmerksamkeit,  welche  große  Firmen  und  Warenhäuser  der  Ausbildung  ihres  Personals
zuwenden.  Von  beteiligten  Firmen  hat  Rudolf  Hertzog  in  Berlin,  welcher  rund
2000  kaufmännische  und  gewerbliche  Angestellte  beschäftigt,  für  ihre  700  Hausdiener
und  Lehrlinge  eine  eigene  Lehrlingsschule  innerhalb  der  Geschäftshäuser  eingerichtet,  die
von  hervorragenden  Fachlehrern  geleitet  wird.  —  Das  Warenhaus  Hermann  Tietz  in
Berlin  besitzt  schon  seit  1907  eine  eigene  Fortbildungsschule  für  die  Kassen-  und  Lehrmädchen. ­
  In  den  5  Jahren  ihres  Bestehens  wurden  in  ihr  über  500  Schülerinnen  ausgebildet.
Eng  verbunden  mit  Gruppe  14  ist  die  nachfolgende  Gruppe  15,  welche  die  freiwilligen
Aufwendungen  für
BILDUNGS-  UND  VEREINSZWECKE,  BIBLIOTHEKEN  UND  MUSEEN  zusammenfaßt. ­
  Auch  hier  weist  die  Endsumme  von  25  Jahren,  denn  für  die  Jahre  1883,  1884,  1891,
1893  und  1895  sind  Beträge  nicht  ermittelt  worden,  den  erheblichen  Betrag  von  43  495  746  M.
auf.  Für  das  Jahr  1912  wurden  2  611  670  M.  festgestellt,  der  größte  Jahresbetrag  entfiel
auf  1901  mit  6  192  800  M.
In  vielen  Fällen  betrachten  diejenigen  Arbeitgeber  und  Stifter,  welche  für  Unterrichtszwecke ­
  Einrichtungen  geschaffen  haben,  es  als  eine  natürliche  Folgerung,  diesen  weitere
allgemeine  Bildungseinrichtungen  anzureihen.  Die  Farbenwerke  vorm.  Friedr.  Bayer
&Co.in  Leverkusen  gehen  besonders  vorbildlich  auch  in  dieser  Richtung  vor.  Sie  sind  dazu
in  der  Lage,  weil  ihnen  in  ihren  Fachbeamten  eine  so  große  Anzahl  wissenschaftlich  vorgebildeter ­
  Kräfte  zur  Verfügung  steht,  denen  die  Erteilung  von  Unterricht  und  die  Organisation ­
  und  Fortführung  von  Bildungsinstituten  innere  Befriedigung  gewähren  müssen.  Es  ist
von  der  Firma  eine  besondere  „Zentralstelle  für  Bildungswesen“  errichtet  worden,  die,
man  möchte  sagen,  wie  eine  Art  Volksakademie  organisiert  ist.  Ein  Ausschuß  der  Zentralstelle ­
  veranstaltet  nämlich  halbjährliche  Vortragszyklen,  die  in  planmäßigen  Lehrgängen ­
  die  Fächer  Chemie  und  Physik,  Mechanik,  Maschinenlehre,  Kunst  und  Musik,
Volkswirtschaftslehre  und  Literaturgeschichte,  anorganische  Chemie  und  Gesundheitslehre ­
  berücksichtigen.  Im  allgemeinen  werden  die  Vortragszyklen  gut  besucht,  und  es
entspricht  namentlich  den  Absichten  der  Direktion,  daß  der  Arbeiterbesuch  bei  den
chemischen  Vorträgen  sich  steigert,  und  daß  dadurch  in  beruflicher  Hinsicht  für  die
Arbeiter  der  Farbenfabriken  eine  Förderung  erzielt  wird.  -—-  Der  Ausschuß  arrangiert
ferner  größere  Volksunterhaltungsabende  mit  Lichtbildern,  die  sich  eines  besonderen
            
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