Full text : Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

Allgemeines  und  Spezielles  über  Entwicklung  und  Stand  der  Wohlfahrtspflege.  33
Für  kirchliche  Erbauung  ihrer  2500  Angestellten  sorgt  die  Meierei  C.  Bolle,
Berlin,  in  hervorragender  Weise.  Sie  hat  1893  eine  eigene  Hauskapelle  mit  1500  Sitzplätzen ­
  erbaut,  die  neben  ihrer  sonstigen  stimmungsvollen  Ausstattung  eine  schöne  Orgel
mit  35  klingenden  Stimmen  enthält.  Es  ist  von  der  Meierei  ein  eigener  Geistlicher  angestellt,
der  mit  Unterstützung  einer  Diakonissin  auch  Gemeindepflege  ausübt.  Die  Kapelle  dient
Sonnabends  für  den  Gottesdienst  und  Sonntags  als  Sonntagsschule  für  die  Kinder  der
Angestellten.
Große  Festsäle,  ja  eigene  Häuser,  welche  der  Geselligkeitspflege  dienen,  sind  von
vielen  großen  Firmen  errichtet  und  auch  bereits  an  anderer  Stelle,  besonders  in  Gruppe  8,
mehrfach  erwähnt  worden.  In  der  Meierei  Bolle,  Berlin,  dient  der  große  Festsaal  auch
zur  Ausstellung  der  Schülerarbeiten,  wie  gleichfalls  in  den  Bayerschen  Farbenfabriken, ­
  sowie  auch  für  Weihnachtsbescherungen  usw.
Musik  und  Gesang  finden  in  größeren  Industriestätten  überall  Pflege  und  seitens  der
Firmeninhaber  warme  Förderung.  Die  Leistungen  dieser  Organisationen  werden  vielfach
gerühmt  und  steigern  sich  nicht  selten  bis  zur  künstlerischen  Vollendung.  In  der  Meierei
Bolle,  Berlin,  zählt  der  unter  Leitung  eines  tüchtigen  Militärmusikers  stehende  Bläserverein ­
  „Concordia“  über  50  ausübende  Mitglieder,  er  wirkt  auch  mit  in  den  Gottesdiensten
in  der  Hauskapelle.  Der  Männergesangverein  „Harmonie“  erstrebt  den  geselligen  Zusammenschluß ­
  der  Milchkutscher,  zählt  über  150  Mitglieder,  darunter  etwa  100  fleißige  Sänger.
—  Der  Inhaber  der  Firma  H.  Füllner,  Maschinenfabrik,  Warmbrunn,  Geheimrat  Dr.
Füllner,  überreicht  jedem  Sänger,  der  10  Jahre  lang  dem  1886  gegründeten  Maschinenbauer-Gesangverein
  angehört,  einen  goldenen  Ring  mit  Lyra  und  Widmung.  Bereits  24  Sängern
wurde  diese  Ehrung  zuteil.
Da  die  Gruppe  15  auch  die  den  Vereinsbestrebungen  zugewendeten  Stiftungen  von
Arbeitgebern  umfaßt,  so  erscheint  es  hier  angebracht,  über  die  Bedeutung  der  Vereinstätigkeit ­
  für  Förderung  der  Angestellten-  und  Arbeiterwohlfahrt  einiges  zu  bemerken.
Die  Vereinstätigkeit  ist  deshalb  besonders  hoch  zu  bewerten,  weil  sie  den  Ausdruck
dafür  bildet,  daß  durch  ein  Hand  in  Hand  gehen  von  Angestellten  und  Arbeitern  mit  ihren
Chefs  und  Arbeitgebern  materielle  und  ideelle  Ziele  erreicht  werden  sollen.  Es  ist  ein  solches
Zusammengehen  ja  auch  bei  den  in  den  Gruppen  1—3  behandelten  Pensions-  und  Unterstützungskassen ­
  vielfach  der  Fall,  indem  sowohl  die  Empfangsberechtigten  als  auch  die
Arbeitgeber  zu  solchen  Kassen  regelmäßige  Beiträge  leisten.  Allein  bei  Vereinsbildungen
liegen  meistens  mehr  ethische  Beweggründe  für  ein  gemeinsames  Arbeiten  vor.  Solches
zeigt  sich  auch  in  einigen  der  von  Vereinen  für  den  speziellen  Teil  dieses  Werkes  gelieferten
Beiträgen.  Aus  den  Mitteilungen  einer  großen  Anzahl  weiterer  Firmen  ist  gleichfalls  die
freundliche  und  fördernde  Teilnahme  der  Arbeitgeber  an  den  Vereinen  ihrer  Angestellten
und  Arbeiter  zu  ersehen.
Ein  gemeinsames  Zusammenarbeiten  macht  sich  hervorragend  in  der  Deutschen
Gesellschaft  für  Kaufmannserholungsheime  geltend.  Es  handelt  sich  hier  allerdings ­
  auch  um  Gegenleistungen  an  den  Spender,  denn  wenn  letzterer  beispielsweise  10  000  M.
stiftet,  so  hat  er  Anspruch  auf  jährlich  100  kostenfreie  Verpflegungstage,  bei  geringeren
Beiträgen  auf  entsprechend  weniger  Tage,  für  seine  Angestellten,  oder  es  verbleibt  ihm
die  dauernde  Mitgliedschaft  mit  dem  Anspruch  auf  Benennung  eines  Bettes  in  einem  Erholungsheim ­
  nach  seinem  Namen.  Von  den  20  Erholungsheimen,  welche  die  Gesellschaft
in  Deutschland  zu  errichten  beabsichtigt,  sind  seit  ihrer  im  Januar  1911  erfolgten  Begründung ­
  bereits  4  erbaut,  die  ihren  Zweck  in  ausgezeichneter  Weise  erfüllen.  Die  Summe
der  von  etwa  300  Kaufleuten,  Bankiers,  Aktiengesellschaften,  Zeitungsverlegern  und
sonstigen  Arbeitgebern  und  Privaten  der  Heimgesellschaft  zugewendeten  Stiftungen  beläuft ­
  sich  auf  rund  1  Mill.  M.  Neuerdings  hat  die  Gesellschaft  auch  Damenkomitees  in
einigen  Großstädten  errichtet,  die  unter  dem  Ehrenvorsitz  der  Prinzessin  Friedrich  Carl
von  Hessen  sich  bemühen  wollen,  auch  den  in  Handel  und  Industrie  wirkenden  Frauen
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