4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte III
Diese Zahlen stützen sich nur zum Teil auf genaue Zählungen
{in den meisten Fällen liegen ihnen andere Quellen, Bürger- und
Eidbücher, Kopfsteuer- und andere Steuerregister, Musterrollen und
Mannschaftsverzeichnisse u. dgl. zugrunde. Auch die Angaben in
Kirchenbüchern hat man schon für diese Zwecke benutzt !), Man
erkennt leicht, daß je nach den verwendeten Unterlagen den Er-
gebnissen eine recht verschiedene Bedeutung zukommt und es ist
deshalb auch schon mitunter über die Volkszahl einzelner Städte
im Mittelalter zu recht großen Meinungsverschiedenheiten gekommen.
Es ist jedoch schon hervorgehoben worden, daß für die uns
interessierenden Zusammenhänge diese Volkszahlen mittelalterlicher
Städte, ob sie nun stimmen oder nicht, eine recht geringe Be-
deutung haben. Denn für unsere Zwecke kommt es mehr auf die
Entwicklung der Volkszahl an und nur für ganz wenige Städte
liegen brauchbare Angaben für eine längere Periode vor. Wo das
jedoch der Fall ist, kann man daraus keine allgemeineren Schlüsse
ziehen, da eben die Volkszahl einer einzelnen Stadt durch besondere
Momente günstig oder ungünstig beeinflußt werden kann, Momente,
die für andere Gebiete keine Rolle zu spielen brauchen.
Nur nach einer ganz bestimmten Richtung hin haben diese
Zahlen für unsere Fragestellung eine größere Bedeutung. Man hat
früher die Volkszahl der deutschen Städte im Mittelalter erheblich
überschätzt. So hat Arnold für das 13. Jahrhundert die Bevölkerung
der Stadt Worms mit 60000, die von Köln sogar mit 120000 Köpfen
angenommen?). Die oben gegebenen Zahlen zeigen, daß diese
Ziffern sicher viel zu hoch gegriffen sind. Am Ausgang des Mittel-
alters hatten die meisten deutschen Städte etwa 5000, die größeren
Die Einwohnerzahl d. deutschen Städte in früheren Jahrhunderten, 1903. — Stra-
kosch-Graßmann, a. a. O. — Siehe ferner dazu Inama-Sternegg, Die Quellen
d. historischen Bevölkerungsstatistik, Stat. Monatsschrift, Jahrg. ı2.
') Von besonders wichtigen Einzeluntersuchungen seien hier hervorgehoben
K. Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. u. 15. Jahrh., 1886. —
A, Helbock, Die Bevölkerung d. Stadt Bregenz vom 14. bis zum Beginn des
18. Jahrhunderts, 1912. — A, Vetter, Bevölkerungsverhältnisse Mühlhausens i. Th,
im 15. u. 16, Jahrh, — C, Ott, Bevölkerungsstat. in d. Stadt u. Landschaft Nürnberg
i. d, ersten Hälfte d. 15. Jahrh., 1907. — F. Buomberger, Bevölkerungs- u. Ver-
mögensstat, in d. Stadt u. Landschaft Freiburg i. Ü. um d. Mitte d. ı 5. Jahrh., 1900.
— W. Schnyder, a. a. 0. — F, Lethmathe, Die Bevölkerung Münsters i. W,
id. 2. Hälfte d. 16. Jahrh., 1912. — H. Heidemann, Bevölkerungszahl u. berufl.
Gliederung Münsters i., W. am Ende d. 17. Jahrh., 1917. — K. Roller, Die Ein-
wohnerzahl d. Stadt Durlach i. 18. Jahrh., 1907. — Weitere Literatur bei Kulischer,
a, a, O., S. 164/165.
* W. Arnold, Geschichte d. deutschen Freistädte, 1854.