78
III. Kartell und Konjunktur.
schränkung eintreten lassen. An diese Praxis der Amerikaner,
ihre Arbeiter ohne weiteres zu entlassen, haben sich
die dortigen Arbeiter vollständig gewöhnt und halten es für
selbstverständlich, daß sie entlassen werden, sobald sie auch
nur für kurze Zeit entbehrt werden können. Die Erfahrung
hat aber gelehrt, daß sie dafür auch günstige Konjunkturen
durch Forderung von Lohnerhöhungen weit mehr ausnutzen
als bei uns 1 ).
Wenn nun aber Julius Wolf * 2 3 ) einwendet, daß sich jede
Überproduktion schließlich als Produktion durchsetze, die
Arbeiter also von den Kartellen, die die Produktion auf einen
bestimmten Punkt festnageln wollen, weniger zu erwarten
haben, als von der unkarteliierten Produktion, will GrunzeP)
dieses nicht als berechtigt anerkennen. Der Verlauf der
unkartelüerten Produktion möge wohl der sein, daß sie
heute 100, morgen 120, übermorgen 10, später 130, dann
120 usw. Arbeiter beschäftige, innerhalb der Schwankungen
also wachse, aber kein Kartell werde je imstande sein „die
Produktion auf einen bestimmten Punkt festzunageln“, es
werde die Schwankungen vermeiden, was nur zum Wohle
der Arbeiter ausschlagen könne, nicht aber das natürliche
Wachstum der Produktion an und für sich unterbinden 4 ).
Ja Brentano 5 6 * ) und Grunzei 8 ) behaupten sogar, daß eine
durch Kartelle erzielte größere Kontinuität der Arbeiterbeschäftigung,
welche freilich in Zeiten außergewöhnlichen
Niederganges eine gewisse natürliche Grenze hat, dazu beiJ
) Vgl. bei Liefmann Kartelle und Trusts, p. 44, 54, 55, 70.
2 ) J. Wolf, In den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd, LXI,
p. 216.
3 ) Grunzei, Über Kartelle, p. 138.
Grunzei steht überhaupt den Kartellen in dieser Hinsicht günstig
gegenüber, so auch in seinem neuesten Werk: Industriepolitik, p. 65:
„Für die Arbeiter schließlich bringt die Ordnung der Produktion eine
größere Kontinuität und Sicherheit in der Beschäftigung . . .“
*) Es wird aber sogar behauptet, daß die Kartelle bzw. deren
Mitglieder ihre Leistungsfähigkeit zu sehr steigern. Sehr scharf angegriffen
werden aus diesem Grunde das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat
und der Stahlwerksverband in einem Aufsatze von J. Mendel,
Die produktionsregelnde Tätigkeit der Syndikate, in der Zeitschrift
.„Die Bank“, Heft 11. 1908.
6 ) Brentano, Mitteilungen der Gesellschaft österreichischer Volkswirte,
Bd. I, p. 89.
6 ) Grunzei, Ober Kartelle, p. 140.