Kapitel II. Adam Smith,
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einer großen Anzahl von Personen entstanden, die ihren persönlichen
Antrieben gehorchten. Die öffentliche Gewalt hat sich erst viel später
eingemischt — als das Metallgeld schon überall verbreitet war, um
durch einen Stempel Schrot und Korn eines jeden Stückes zu ge
währleisten.
Eine andere Grundtatsache ist das'W ach st um des Kapitals 1 )!
Für A. Smith gibt es nach der Arbeitsteilung und nach der Erfindung
des Geldes keine wichtigere volkswirtschaftliche Tatsache, keine größere
Quelle der Bereicherung für das Volk als diese. Je größer sein Kapital
ist, um so mehr produktive Arbeiter können unterhalten werden, um
so größer kann die Herstellung von Instrumenten und Maschinen
sein, die die Produktivität der Arbeiter vermehren, um so mehr kann
sich die nationale Arbeitsteilung entwickeln. Sein Kapital vermehren,
heißt daher, seine Industrie und seinen Wohlstand ausdehnen 2 ). Das
*) Lange Zeit hindurch haben sieh die Ökonomisten mit Adam Smith’b Theorie
vom Kapital begnügt. Wie viele andere Teile seines Werkes ist auch dieser als
klassisch anerkannt worden, und die Schriften über volkswirtschaftliche Fragen haben
sich oft auf seine Wiederholung beschränkt. Dieser Erfolg erscheint uns heute ganz
ungerechtfertigt. „Man kann nicht leugnen,“ sagt ein neuzeitlicher englischer
Nationalökonom, Canhan, „daß A. Smith die Frage des Kapitals durchaus unbefriedigend
beantwortet hat“ (A History of the theories of production and distri-
bution, 1894. S. 89). Wenn diese Beurteilung einer Rechtfertigung bedürfte,
würde der Hinweis auf die vielen, auch jetzt noch nicht abgeschlossenen Be
sprechungen, die seit 50 Jahren sich mit der Theorie des Kapitals beschäftigen,
genügen. Einige der bedeutendsten Werke der letzten Jahre, wie die Positive
Theorie des Kapitales von Böhm-Bawbbk sind ihr gewidmet. In England,
Amerika, Italien haben die bekanntesten Nationalökonomen, wie Cannan, Fishek,
Paketo dazu beigetragen, die alten Begriffe in dieser Frage ganz umzuändern, und
Jas Anwachsen dieser Untersuchungen zeigt klar genug, daß Smith diese Frage
hoch lange nicht erschöpft hatte. Aus diesem Grund glauben wir es unterlassen zu
sollen, seine Gedanken hierüber auseinander zu setzen. 'Wenn man das zweite Buch
seines Völkerreichtnms, das ausschließlich diesen Gegenstand behandelt, auf
merksam liest, so findet man: eine dem praktischen Gesohäftsleben entlehnte Unter
scheidung zwischen dem fest angelegten und dem umlaufenden Kapital, — eine sehr
anfechtbare Identifikation des Nationalvermögens mit der Summe der Einzelvermögen,
•— eine sehr ungenügende Scheidung der Begriffe Kapital und Einkommen, — die
seitdem bis auf Stuabt Mill zum Überdruß wiederholte paradoxe Behauptung, daß
„sparen, verbrauchen sei“ —; die, diesmal banale, Behauptung, daß das Kapital durch
Sparen wächst, und endlich den Satz, daß das Kapital die Industrie begrenzt. '
2 ) Völkerreichtum I, S. 202, B. II, Kap. III. „Das Jährliche Produkt des
Bodens und der Arbeit einer Nation kann in seinem Werte nicht anders vermehrt
werden, als wenn entweder die Zahl ihrer produktiven Arbeiter oder die Produktiv
kräfte der bis dahin beschäftigten Arbeiter zunehmen. Die Zahl der produktiven
Arbeiter kann, wie von selbst einleuohtet, nur dann ansehnlich zunehmen, wenn eine
Kapitalzunahme zustande kommt, d. h. wenn die zu ihrem Unterhalt bestimmten
Konds wachsen. Die Produktivkräfte der nämlichen Zahl von Arbeitern können nur
dann zunehmen, wenn entweder die zur Erleichterung und Abkürzung der Arbeit
dienenden Maschinen und Werkzeuge vermehrt und verbessert werden, oder wenn
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 6