Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

112  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
seinem  Beweise  für  die  Vorteile  des  internationalen  Handels
zutage.
Der  entscheidende  Grund  zugunsten  der  Handelsfreiheit  ergibt
sich  aus  dem  Nutzen,  den  der  Verbraucher  davon  hat.  Die  Vermehrung ­
  der  ihm  zu  Gebote  stehenden  Gebrauchsgüter  macht  die
Überlegenheit  des  Freihandels  aus.  Wie  Stuaet  Mill  sagt:  „Alle
direkten  Vorteile  des  Außenhandels  beruhen  auf  der  Einfuhr 1 ).“
Dieser  Gesichtspunkt  wird  aber  bei  Smith  am  wenigsten  untersucht.
Er  schreibt  freilich:  „Die  Konsumtion  ist  der  einzige  Zweck  aller
Produktion  .  .  .,  allein  im  Merkantilsysteme  wird  das  Interesse  des
Konsumenten  fast  beständig  dem  des  Produzenten  aufgeopfert.“  Diese
Stelle  findet  sich  jedoch  erst  am  Ende  der  Kritik  des  Merkantilismus
im  8.  Kapitel  des  4.  Buches  (Bd.  II,  8.  143)  und  steht  noch  nicht
in  der  ersten  Ausgabe  des  Werkes.  Sie  ist  erst  in  der  dritten
Ausgabe  eingefügt  worden' 2  * ).
Im  Gegenteil,  Smith  stellt  sich  fast  stets  auf  den  Standpunkt
des  Produzenten,  um  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  darzulegen ­
  s ).
Bald  sieht  er  darin  ein  Mittel,  das  einem  Lande  gestattet,  den
Überschuß  seiner  Produktion  auszuführen:  indem  die  fremden  Völker
ein  erweitertes  Absatzgebiet  darbieten,  bewirken  sie  eine  größere
Arbeitsteilung  in  dem  Ausfuhrlande  und  infolgedessen  eine  verstärkte
Produktionsfähigkeit 4 ).  —  Man  kann  aber  fragen,  weshalb,  anstatt
überflüssige  Gegenstände  herzustellen,  die  ausgeführt  werden  müssen,
das  Land  nicht  eher  selbst  die  Gegenstände  herstellt,  die  es  einführen ­
  muß  ?
Bald  stützt  sich  Smith,  um  zu  beweisen,  daß  beide  austauschenden
Völker  notwendigerweise  am  internationalen  Handel  ihren  Vorteil
finden  müssen,  auf  die  Tatsache,  daß  die  Kaufleute  beider  Länder
einen  Profit  erzielen,  und  der  Profit,  der  einen  tauschbaren  Wert  vorstellt, ­
  erhöht  die  Summen  der  tauschbaren  Werte.  Hierauf  antwortet

1 )  Principles  of  Political  Economy,  B.  III,  Kap.  XVII.
2 )  Allerdings  hat  er  schon  im  IV.  Buch,  Kap.  III,  Teil  2  (II,  8.  41)  gesagt:
„In  jedem  Lande  ist  es  und  muß  es  stets  der  Vorteil  der  großen  Masse  des  Volkes
sein,  ihren  Bedarf  von  denen  zu  kaufen,  die  ihn  am  wohlfeilsten  verkaufen.  Dieser
Satz  ist  so  durchaus  einleuchtend,  daß  es  lächerlich  wäre,  ihn  noch
besonders  beweisen  zu  wollen.“
s )  Betreff  der  Getreidezölle  schreibt  er;  „Die  Einführung  fremden  Getreides
und  Viehes  fortdauernd  zu  verhüten,  heißt  in  der  Tat  nichts  anderes  als  festsetzen,
daß  die  Bevölkerung  und  Industrie  des  Landes  zu  keiner  Zeit  höher  steigen  soll,
als  das  Rohprodukt  des  eigenen  Bodens  sie  erhalten  kann“  (II,  S.  21,  B.  IV,  Kap.  II).
—  Er  stellt  sich  daher  stets  auf  diesen  Standpunkt  des  Bevölkerungs-  und  Arbeitswaohstums
  und  nicht  auf  den  des  Verbrauches.  <
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  219,  B.  II,  Kap.  V.  —  Vgl.  II,  8.12,  B.  IV,  Kap.  I
            
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