Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

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übrig  bliebe,  so  würde  doch  sein  Werk  als  das  gewaltigste  Monument
einer  der  bedeutendsten  Epochen  der  volkswirtschaftlichen  Forschung
bestehen  bleiben.  Stellt  es  doch  den  prächtigsten  Versuch  dar,  in
einem  einzigen  harmonischen  Überblicke  die  unendliche  Mannigfaltigkeit ­
  des  wirtschaftlichen  Lebens  zu  erfassen.
Aber  in  dieser  Vereinfachung  liegt  gleichzeitig  seine  Schwäche.
Um  sie  zu  erreichen,  hat  Smith  mehr  als  eine  Tatsache  übergehen
müssen,  die  sich  seinem  Systeme  nicht  einfügen  ließ.  Auch  war  er
gezwungen,  unvollständige  und  ungenügende  Mittel  zu  verwenden.
Was  besteht  heute  noch  von  vielen  der  Einzeltheorien,  die  sein  Werk
anfüllen,  wie  Preistheorie,  Lohntheorie,  Theorie  des  Profites  und  der
Kente,  Theorie  über  den  internationalen  Handel  oder  über  das  Kapital?
Jede  ist  verbessert,  überflügelt  oder  bestritten  worden.  Und  im  Maß,
wie  Teile  des  Gebäudes  verfielen,  erschien  das  Ganze  immer  weniger
standfest.  Gleichzeitig  ergaben  sich  neue  Gesichtspunkte,  die  Smith
anscheinend  zu  wenig  beachtet  hatte.  An  Stelle  des  wohltuenden
Eindruckes  der  Einfachheit  und  Sicherheit,  den  die  Nationalökonoinen
am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  aus  dem  Werk  Smith’s  empfingen,
drängte  sich  ihren  Nachfolgern  langsam  das  Bild  der  stetig  steigenden
Verwicklung  der  Tatsachen  auf.
Wenn  wir  hier  eine  Kritik  Adam  Smith’s  einfügen  wollten,  so
würde  das  auf  eine  Darstellung  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  des  19.  Jahrhunderts  hinauslaufen,  und  damit  den
übrigen  Inhalt  dieses  Buches  vorwegnehmen.  Ein  schöneres  Lob
seines  Werkes  läßt  sich  kaum  denken.  Die  Geschichte  der  nationalökonomischen ­
  Ideen  hat  sich  ein  ganzes  Jahrhundert  hindurch
nicht  von  seinem  Werke  lösen  können.  Anhänger  und  Feinde  haben
es  gleichmäßig  zum  Ausgangspunkt  ihrer  Untersuchungen  gemacht.
Die  einen  haben  es  weiterentwickelt,  fortgeführt  und  verbessert,
die  anderen  haben  hartnäckig  und  verbissen  seine  Grundgedanken ­
  bekämpft.  Alle  haben  aber  in  stillschweigender  Übereinstimmung ­
  anerkannt,  daß  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie
mit  ihm  begonnen  hat,  und  daß  es  nutzlos  sei,  hinter  ihn  zurückzugehen.
Wie  sein  französischer  Übersetzer,  Gaeniee,  sagt,  bedeutet  sein  Buch
„eine  vollständige  Umwälzung  der  Wissenschaft“ x ).  Noch  heute,
obgleich  uns  der  „Völkerreichtum“  nicht  mehr  als  eine  erschöpfende ­
  wissenschaftliche  Abhandlung  über  Nationalökonomie  gilt,
bleiben  gewisse  seiner  Grundgedanken  unbestreitbar:  seine  Theorie
des  Geldes,  die  Bedeutung  der  Arbeitsteilung,  die  grundsätzliche
Holle  der  spontanen  wirtschaftlichen  Tatsachen,  der  beständige  Einfluß ­
  d^s  persönlichen  Interesses  auf  das  wirtschaftliche  Leben,

h  Vorwort  zu  der  franz.  Übersetzung;  Ausg.  1821,  S.  69.

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