Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

136

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

nicht  zu  befürchten  sei 1 ).  So  drückt  sich  z.  B.  der  Physiokrat
Mieabeaxj  in  seinem  Buche:  „L’ami  des  ho  mm  es“  aus,  das  als
Untertitel  die  Bezeichnung:  Traite  de  la  population  (1755)
trägt.  Die  Gläubigen  der  natürlichen  Ordnung  konnten  sich
auch  nicht  durch  eine  so  natürliche  Erscheinung  wie  die  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  beunruhigt  fühlen.  Dieser  Optimismus  nahm
aber  mit  Godwin  außerordentliche  Proportionen  an,  dessen  1793  erschienenes ­
  Buch  „Political  Justice“  starken  Eindruck  machte.
Man  hat  Godwin  den  ersten  doktrinären  Anarchisten  genannt.  Er
scheint  auch  zuerst  das  berühmte  Wort  geprägt  zu  haben:  „Jede
Regierung,  auch  die  beste,  ist  ein  Übel.“  Auf  jeden  Fall  war  er
mit  seinem  unbegrenzten  Vertrauen  auf  die  Zukunft  der  Gesellschaften
ein  Vorläufer  des  Anarchismus;  gleiches  Vertrauen  brachte  er  dem
Fortschritt  der  Wissenschaft  entgegen,  der  die  Produkte  in  einem
solchen  Maßstab  vermehren  werde,  daß  eine  halbstündige  tägliche
Arbeit  genügen  würde,  um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Ebenso
dachte  er  auch  hinsichtlich  der  Entwicklung  der  Vernunft,  die  die
Einzelinteressen  und  den  Kampf  um  den  Profit  zügeln  werde.  Ist
aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem  Tage,  an  dem  das  Leben  so
leicht  und  angenehm  sein  wird,  die  Menschen  sich  so  vermehren  werden,
daß  die  Erde  sie  nicht  mehr  ernähren  kann?  —  Als  Godwin  diese
Frage  stellte,  ahnte  er  sicherlich  kaum,  welches  furchtbare  Problem
er  damit  anschnitt.  In  seinem  unerschütterlichen  Vertrauen  antwortete
er  ohne  weiteres,  daß  diese  Möglichkeit  sich  „erst  in  vielen  Jahrtausenden“ ­
  verwirklichen  könne,  daß  sie  wahrscheinlich  überhaupt  nicht
eintreten  werde,  weil  die  Vernunft  die  geschlechtlichen  Triebe  nicht
weniger  kräftig,  wie  die  Sucht  nach  Profit  im  Zaume  halten  würde;  und
er  erblickte  sogar  in  der  Ferne  einen  gesellschaftlichen  Zustand,  in  dem
„der  Geist  die  Sinne  so  sehr  beherrschen  wird,  daß  die  Fortpflanzung
aufhört“,  und  in  dem  der  Mensch  unsterblich  sein  wird  2  3 ).
Zur  gleichen  Zeit  erschien  in  Frankreich  ein  Buch,  das  mit  dem
Godwin’s  große  Ähnlichkeit  hatte:  Esquissed’untableauhistorique
  des  progres  de  l’Esprit  humain  (Skizze  einer  geschichtlichen ­
  Darstellung  des  Fortschrittes  des  Menschengeistes)  von
Condoecbt  (1794).  Es  atmet  das  gleiche  Vertrauen  in  das  Vorwärtsschreiten ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  dem  Glücke  entgegen,  in
die  Allmacht  der  Wissenschaft,  —  die,  wenn  sie  den  Tod  nicht  aus
der  Welt  schaffen  kann,  ihn  wenigstens  in  weite,  weite  Ferne  zu
rücken  vermag a );  —  und  diese  Zuversicht  ist  nicht  ohne  eine  geb ­

  Siehe  hierüberStangbland,  Pre-Malthusian  Doctrines,  New-York,  1904.
2 )  Godwin;  Political  Justice,  B.  YIII,  Kap.  VII;  Neudruck,  London,  1890.
3 )  „Allerdings  wird  der  Mensch  nie  unsterblich  werden,  aber  ist  es  nicht  möglich,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.