Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

seiner  Zeit  kaum  die  Rede  war,  wie  die  Abtreibung  —  ein  Verbrechen, ­
  das  in  unseren  modernen  Gesellschaften  in  viel  umfassenderem
Maße  an  die  Stelle  des  Kindermordes  und  der  Kinderaussetzung  des
Altertums  zu  treten  strebt,  —  denen  aber  das  Strafgesetzbuch  ohnmächtig ­
  gegenübersteht,  und  die  eine  neue  Moral  sogar  zu  rechtfertigen
  anfängt.
Da  nun  so  alle  der  Moral  widersprechenden  Mittel  ausgeschaltet
sind,  wie  hat  da  Malthus  glauben  können,  daß  die  moralische  Enthaltsamkeit, ­
  wie  er  sie  auffaßte,  jemals  zu  einem  ausreichenden
und  wirksamen  Zaum  gegen  die  Übervölkerung  werden  könnte?
Ohne  Zweifel  möchte  er  es  gern:  er  bemüht  sich,  die  Menschen
für  diesen  heiligen  Kreuzzug  zu  rüsten:  „Die  Christen  weise  ich
darauf  hin,  daß  uns  die  heilige  Schrift  klar  und  unzweideutig
als  positive  Pflicht  die  Beherrschung  unserer  Leidenschaften  in  vernünftigen ­
  Grenzen  vorschreibt  .  .  .  Ein  Christ  kann  die  Schwierigkeit ­
  der  moralischen  Enthaltsamkeit  nicht  als  Entschuldigung,  die
ihn  von  dieser  Pflicht  entbinde,  anführen“  (S.  479).  Und  denen  gegenüber, ­
  die  nur  der  Vernunft  gehorchen  wollen,  führt  er  aus:  „daß
diese  Tugend  (die  Keuschheit)  auf  Grund  genauer  Untersuchung  zur
Vermeidung  der  Übel  notwendig  erscheint,  die  ohne  sie  eine  unausbleibliche ­
  Folge  der  Naturgesetze  sind 1 ).“
Im  Grunde  seines  Herzens  glaubt  er  aber  kaum  an  eine  Ausbreitung ­
  der  moralischen  Enthaltsamkeit,  um  den  menschlichen  Liebesdrang
  zu  beherrschen  und  zu  regeln.  Deshalb  fühlt  er  sich  auch
wenig  sicher,  und  trotz  des  Schildes  aus  reinem  und  zerbrechlichem
Kristall,  den  er  der  Hydra  entgegehhielt,  erschien  sie  ihm  noch  immer
bedrohlich  2 ).  Auch  hatte  er  sehr  gut  begriffen,  daß  sein  Heilmittel,
1 )  „Diese  Betrachtungen  beweisen,  daß  die  Keuschheit  nicht,  wie  einige  vermuten, ­
  eine  erzwungene  Tugend  ist,  die  ein  künstlicher  sozialer  Zustand  hervorbringt,
sondern  daß  sie  ihre  wirkliche  und  feste  [Grundlage  in  der  Natur  und  in  der
Vernunft  hat:  diese  Tugend  ist  auch  das  einzige  richtige  Mittel,  die  Laster  und
Leiden,  die  das  Prinzip  der  Bevölkerung  nach  sich  zieht,  zu  vermeiden.“
Malthus  weist  darauf  hin,  daß  diese  Tugend  seit  jeher  von  den  Frauen  gefordert
worden  ist,  und  daß  es  „daher  keinen  Grund  gibt,  weshalb  die  Verletzung  der  Gesetze
der  Keuschheit  nicht  in  gleicher  Weise  für  beide  Geschlechter  entehrend  sein  solle“
(S.  471).  Hierin  liegt  schon  die  kühne  Forderung  gleicher  Moral  für  beide  Geschlechter. ­

Wenn  man  daher  dem  hochwürdigen  Herrn  den  Vorwurf  macht,  Gott  zu
lästern,  der  den  Menschen  befohlen  hat:  Seid  fruchtbar  und  mehret  euch,  ein  Vorwurf,
gegen  den  er  besonders  empfindlich  sein  müßte  —  wäre  es  Malthus  leicht  gewesen,
hierauf  mit  dem  Hinweis  zu  antworten,  daß,  wenn  die  Vorsehung  die  Zeugung  des
Lebens  gewollt  hat,  doch  auch  die  Keuschheit  eine  christliche  Tugend  ist,  und  daß
vielleicht  ihr  Zweck  gerade  die  vorsorgende  Funktion  sei,  die  Zeugung  in  einem
richtigen  Gleichgewicht  zu  halten.
2 )  »Die  präventive  Hemmung  hat  zweifellos  ihre  Wirkung  ausgeüht,  und  die
Behauptung,  daß  sie  keinen  Teil  an  der  allgemein  verwirklichten  Einschränkung
            
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