Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

logischen  Verwechslung.  Der  Geschlechtstrieh  ist  nicht  mit  dem  der
Fortpflanzung  identisch  und  folgt  ganz  verschiedenen  Beweggründen 1 ).
Nur  dem  ersteren  kann  jener  Charakter  unwiderstehlicher  Kraft  zugesprochen ­
  werden,  den  Malthus  zu  Unrecht  bei  dem  zweiten  voraussetzt. ­
  Der  erste  ist  ein  auf  tierischen  Ursprung  zurückgehender
Instinkt,  der  zur  Gewalt  einer  überwältigenden  Leidenschaft  anwachsen
  kann,  und  dem  alle  Menschen  gleichmäßig  unterliegen.  Der
zweite  hat  in  der  Hauptsache  gesellschaftlichen  und  religiösen  Ursprung ­
  und  nimmt  je  nach  Ort  und  Zeit  verschiedene  Formen  an.
Bei  den  religiösen  Völkern,  die  die  Gesetze  Moses’,  Manu’s  oder
Confucius’  befolgen,  ist  die  Fortpflanzung  der  Weg  der  Erlösung,  die
Verwirklichung  der  Unsterblichkeit 2 ).  Keinen  Sohn  zu  haben  ist  finden ­
  Brahmanen,  den  Chinesen,  den  Juden  mehr  als  ein  Unglück:  ein
Verbrechen  gegen  Gott.  Bei  den  griechischen  und  lateinischen  Völkern
war  die  Fortpflanzung  eine  heilige  Pflicht  gegenüber  der  Stadt  und
dem  Vaterlande.  In  einer  aristokratischen  Kaste  läßt  es  der  Stolz
auf  das  Geschlecht  nicht  zu,  daß  der  Name  aussterbe.  Für  die  elenden
und  vielleicht  aus  öffentlichen  Kassen  unterstützten  Arbeiter  bedeuten
viele  Kinder  viele  Verdiener,  und  jedes  Kind  ist  ein  weiterer  Grund,
das  öffentliche  Mitleid  in  Anspruch  nehmen  zu  können.  Ein  neues
Land  braucht  Arbeitskraft,  um  Neuland  zu  roden,  und  Menschen,  um
ein  neues  Volk  zu  schaffen.  Umgekehrt  wirken  eine  ganze  Anzahl
Kräfte  dem  Fortptianzungsinstinkt  entgegen;  der  Egoismus  der  Eltern,
die  keine  Verantwortlichkeit  übernehmen  wollen;  der  der  Mütter,  die
die  Schmerzen  und  die  Gefahren  der  Schwangerschaft  scheuen;  der
Geiz  der  Elternliebe,  die  von  keinem  Nachgeborenen  etwas  wissen
will,  um  den  Erstgeborenen  um  so  besser  ausstatten  zu  können;  der
Feminismus,  der  die  Unabhängigkeit  außer  der  Ehe  sucht;  die  vorzeitige ­
  Emanzipation  der  Kinder,  die  den  Eltern  nur  die  Sorgen  der

*)  Weder  das  eine  noch  das  andere  sind  dasselbe  wie  der  Wunsch,  sich  zu  verheiraten, ­
  der  ganz  anderen  Beweggründen  entspringt.  Der  Franzose  verheiratet  sich
meistens,  „um  ein  Heim  zu  haben“,  aber  er  unterscheidet  diesen  Wunsch  wohl  von
dem  nach  Liebe  und  noch  mehr  von  dem,  Kinder  zu  haben.
2 )  „In  einem  Sohn  erwirbt  der  Mensch  den  Sieg  über  alles.  In  einem  Sohn  gewinnt ­
  er  die  Unsterblichkeit,  und  von  Sohn  zu  Sohn  gelangt  er  in  die  Wohnung  der
Sonne.  Der  Sohn  erlöst  seinen  Vater  aus  der  Hölle.  Der  Sohn  eines  Brahmanen,
wenn  er  tugendhaft  handelt,  löscht  die  Sünden  von  zehn  seiner  Vorfahren  aus,“
So  sagt  das  Gesetz  Manu’s.  Malthus  selbst  zieht  es  als  Beweisgrund  an,  Er
müßte  aber  bemerkt  haben,  daß  mit  dem  Tage,  an  dem  man  nicht  mehr  an  die
Gesetze  Manu’s  glaubt,  das  Argument  seine  Spitze  gegen  ihn  kehrt.
Einer  der  Gründe,  weshalb  die  Jüdinnen  sich  durch  die  Sterilität  entehrt  glaubten,
war,  daß  Jede  von  ihnen  die  Mutter  des  erwarteten  Messias  werden  konnte.  Sobald
aber  die  Juden  nicht  mehr  auf  den  Messias  warten,  verschwindet  natürlich  dieser
Grund,  Kinder  zu  haben.
            
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