Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Anspruch  erhoben,  allgemeine,  beständige  und  unvermeidliche  Gesetze
zu  sein,  während  sie  bei  Malthüs  und  Ricardo  diesen  Charakter  annehmen. ­
  Malthus  sagt:  „Infolge  der  Ursachen,  die  die  Bevölkerung ­
  regeln  und  die  Vermehrung  des  Menschengeschlechtes
bedingen,  wird  der  Lohn  der  Schwächsten  sich  niemals  viel  über  dem
Niveau  halten,  das  die  Natur  und  die  Gewohnheit  zum  Unterhalt  des
Arbeiters  als  unbedingt  nötig  fordern“  (S.  128).  Und  Ricardo  sagt
noch  bestimmter:  ‘„Der  natürliche  Preis  der  Arbeit  ist  der,  der
den  Arbeitern  im  allgemeinen  die  Mittel  gibt,  ihr  Leben  zu  fristen
und  sich  ohne  Vermehrung  oder  Verminderung  ihrer  Klasse  fortzupilanzen“
  \S.  67).  Die  Worte  „ohne  Vermehrung  oder  Verminderung“
sind  bemerkenswert,  sind  wohl  zu  beachten;  sie  bedeuten  nämlich,
daß,  wenn  es  in  der  Arbeiterfamilie  mehr  Kinder  gibt,  als  nötig  sind,
um  die  Zahl  auf  der  Höhe  der  elterlichen  Generation  zu  halten,  der
Lohn  unter  den  normalen  Satz  sinken  wird,  bis  das  Gleichgewicht
durch  höhere  Sterblichkeit  wieder  hergestellt  ist.
•  Damit  wird  aber  nicht  gesagt,  daß  der  Nominal  lohn,  in  Geld
ausgedrückt,  nicht  steigen  könne.  Er  muß  im  Gegenteil  mit  Notwendigkeit ­
  höher  werden,  da  der  Preis  der  Lebensmittel  beständig
aufwärts  strebt.  Wenn  der  Geldlohn  derselbe  bliebe,  würde  der  Arbeiter
bald  nicht  genug  zum  Essen  haben.  Der  Lohn  wird  daher  im  gleichen
Verhältnis  wie  der  Getreidepreis  steigen,  so  daß  der  Arbeiter  sich
stets^die  gleiche  Menge,  nicht  mehr  und  nicht  weniger,  beschaffen
kann.  Der  Real  lohn,  in  natura  ausgedrückt,  wird  dagegen  stationär
bleiben,  aber  gerade  in  ihm  kommt  offenbar  der  Wohlstand  der
Arbeiterklasse  zum  Ausdruck.
Dabei  ist  es  noch  die  Frage,  ob  er  stationär  bleibt?  Ricardo
scheint  das  nicht  zu  glauben;  „Im  natürlichen  Vorwärtsschreiten  der
Gesellschaften  zeigt  der  Lohn  die  Tendenz  zu  fallen,  insofern
er  durch  Angebot  und  Nachfrage  geregelt  wird,  weil  die  Anzahl  der
Arbeiter  beständig  um  etwas  schneller  als  die  Nachfrage  wächst“
(8.  73) 1 ).
Es  ist  möglich,  daß  die  Steigerung  des  Nominallohnes  diesen
Rückgang  verschleiert:  „In  diesem  Fall  scheinen  die  Löhne  zu  steigen;
sein  (des  Arbeiters)  Schicksal  wird  trotzdem  weniger  glücklich  sein;
zwar  wird  er  einen  höheren  Geldbetrag  als  Lohn  erhalten,  aber  dieser
Geldbetrag  wird  weniger  in  Getreide  wert  sein“  (8.77).  Nur  in  dem
Falle,  daß  die  Arbeiterklasse  genügend  Voraussicht  anwendet,  um
die  Zahl  ihrer  Kinder  einzuschränken,  kann  sie  hoffen,  wenigstens  den
Status  quo  aufrecht  zu  erhalten:  „Es  ist  eine  unbestreit-‘)

  „Die  Lage  des  Arbeiters  wird  sich  im  allgemeinen  verschlechtern,  während
die  des  Grundbesitzers  sich  verbessern  wird“  (S.  78).
            
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