Kapitel III. Die Pessimisten.
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bare Tatsache, daß Wohlstand und Wohlsein der Armen nur dann
sicher gestellt werden können, wenn sie selbst danach streben, oder
wenn es der Gesetzgebung gelingt, die Häufigkeit frühzeitiger Ehen
zwischen jungen und leichtsinnigen Personen zu verhindern“ (8. 81).
Mit anderen Worten, die Bedürfnisse der Industrie erfordern eine
bestimmte Anzahl Arbeiter. Solange diese Ziffer nicht überschritten
wird, muß der Lohn, auch der niedrigste, wohl oder übel ausreichend
sein, um seinem Empfänger den Lebensunterhalt zu ermöglichen,
da er unentbehrlich ist. — Sobald aber die Arbeiterbevölkerung
die Bedürfnisse der Industrie überschreitet, gibt es kein Mittel,
um ein Sinken des Lolines unter das Existenzminimum aufzuhalten,
da es dann nicht mehr nötig ist, daß alle am Leben
bleiben.
Es muß darauf hingewiesen werden, daß sich Malthus hier,
ebenso wie in bezug auf die Bodenrente, weniger pessimistisch erweist
als Ricardo. Weit davon entfernt, anzunehmen, daß jede Lohn
erhöhung notwendigerweise einen Überfluß an Arbeitskräften, und
infolgedessen ein erneutes Sinken des Lohnes nach sich zieht, sagt
er, daß sie sehr wohl in der Arbeiterklasse jenen Sinn für die Zu
kunft schaffen könne, der gerade die wirksamste präventive Hemmung
...des blinden Instinktes vorstellt, und daß daher die einmal einge
tretene Lohnerhöhung sehr wohl zu einer beständigen werden könne.
Gut! Enthält aber diese Beweisführung nicht einen fehlerhaften
Zirkel? Damit nämlich die wohltätige Folge eintreten könne, muß
zuerst die Lohnerhöhung stattfinden. Wie kann sie aber eintreten,
solange die Arbeiterklasse im Elend und Leichtsinn versunken
bleibt?
üm aus dieser Sackgasse zu kommen, genügt der Hinweis darauf,
daß der Marktlohn (market wage) beständig um den natür
lichen Lohn (natural wage) gemäß den Zufälligkeiten des Ange
bots und der Nachfrage oszilliert. Lassen wir also diese Erhöhung
etwas länger andauern, und sie kann ausreichen, um das Niveau der
Lebenshaltung (Standard of life) der Arbeiterklasse genügend zu
beeinflussen, um definitiv zu werden ’).
’) „Man kann ganz allgemein sagen, daß, bei Eintreten einer Erleichterung
im Verdienst des Lebensunterhalts, diese Erleichterung das Bestreben hat, das Ver
hältnis der Heiraten zur Beyölkernngsziffer zu erhöhen. Es ist aber durchaus denk
bar, daß diese Wirkung nicht eintritt ... Es ist sehr wohl möglich, daß eine
plötzliche Verbesserung der Lage des Volkes ihm einen aufrechten Stolz, ein
Gefühl für Reinlichkeit und Wohlanständigkeit gibt. In diesem Fall würde die Zahl
der Heiraten nicht zunehmen, und man würde eine größere Anzahl Kinder aufziehen;
die auf Grund der neuen Ordnung eintretende Erhöhung der Bevölkerungsziffer würde
durch das Sinken der Sterblichkeitsziffer, nicht durch die Vermehrung der Geburten
stattfinden“ (S. 189).
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