Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

197

1819  reist  er  in  England,  „diesem  überraschenden  Land,  das  zum
Nutzen  der  übrigen  Welt  einen  großartigen  Versuch  anzustellen
scheint“  1 ).  Die  Eindrücke,  die  er  hier  erhält,  bestärken  ihn  in  seinen
Ansichten.  Er  nimmt  seinen  Artikel  für  die  Enzyklopädie  wieder
auf  und  entwickelt  ihn.  Aus  dieser  Arbeit  entsteht  das  Werk,  das
seinen  Ruhm  als  Nationaiökonom  begründet,  und  das  im  Jahr  1819
unter  dem  bezeichnenden  Titel:  Neue  Prinzipien  der  Nationalökonomie
(Nouveaux  Principes  d’Economie  politique)  erschien.  Von
da  an  ist  ihm  sein  Weg  vorgezeichnet.  Der  Gegensatz,  in  dem  er
sich  zu  den  in  Frankreich  und  England  herrschenden  Schulen  befand, ­
  wird  beständig  größer  und  in  seinen  Studien  über  Volkswirtschaft ­
  (Etudes  sur  l’Economie  politique),  die  1837  erschienen
sind 2 ),  bringt  er  als  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  in  den  neuen
Prinzipien  niedergelegten  Gedanken  eine  große  Anzahl  beschreibender
und  historischer  Untersuchungen,  besonders  über  die  Lage  der  Landwirte ­
  in  England,  Schottland,  Frankreich  und  Italien.
Die  abweichende  Stellung  Sismondi’s  erstreckt  sich  aber  nicht
auf  die  theoretischen  Grundgesetze  der  Nationalökonomie.  Er  erklärt
im  Gegenteil,  in  dieser  Hinsicht  ein  Schüler  Adam  Smith’s  zu  sein 8 ).
Sie  wendet  sich  gegen  die  Methode,  den  Gegenstand  und  die
p  r  a  k  t  i  s  c  h  e  n  S  c  h  1  u  ß  f  o  1  g  e  r  u  n  g  e  n  der  klassischen  Schule.  Untersuchen ­
  wir  seine  Gründe  in  Hinsicht  auf  jeden  dieser  Punkte.
Was  zunächst  die  Methode  anlangt,  so  macht  er  eine  richtige
Unterscheidung  zwischen  Smith  und  seinen  Nachfolgern,  Ricardo  und
J.-B.  Say.  „Smith,“  sagt  er,  „bemüht  sich,  jede  Tatsache  in  dem
sozialen  Zusammenhang,  dem  sie  zugehört,  zu  untersuchen,“  und
„sein  unsterbliches  Werk  ist  das  Ergebnis  einer  philosophischen  Untersuchung ­
  der  Geschichte  des  Menschengeschlechtes“  4 ).  Dagegen  macht
er  Ricardo  die  abstrakte  Methode,  die  er  in  die  Wissenschaft  eingeführt ­
  hat,  zum  Vorwurf.  So  sehr  er  Malthus  bewundert,  „der  mit
der  Kraft  und  der  Weite  des  Geistes  die  gewissenhafte  Untersuchung ­
  der  Tatsachen  verband“  5 ),  so  sehr  widerstrebt  es  ihm,  „die
abstrakten  Schlußfolgerungen,  die  Ricardo  und  seine  Schüler  von  uns.

')  Ebenda,  S.  IV.
2 )  2  Bände,  Paris  1837  und  1838.
3 )  N.  P.;  8.  50—51.  „Die  Lehre  A.  Smith’s  ist  die  unsere,  aber  das  praktische
Ergebnis  seiner  Lehre,  das  wir  ihm  entlehnen,  scheint  uns  oft  dem,  das  er  daraus  zieht,
diametral  entgegengesetzt  zu  sein.“
4 )  Ebenda,  S.  56.  „A.  Smith  erkannte  an,  daß  die  Kegiernngskunst  auf  Versuchen ­
  beruhe;  daß  sie  sich  nur  auf  die  Geschichte  der  verschiedenen  Völker  gründen
könne,  und  daß  man  nur  aus  einer  abwägenden  Beobachtung  der  Tatsachen  Prinzipien
abzuleiten  vermöge.  Sein  unsterbliches  Werk  ...  ist  das  Ergebnis  einer  philosophischen
Untersuchung  der  Geschichte  des  Menschengeschlechts.“  Vgl.  auch  ebenda,  I,  S.  47,  389.
6 )  Ebenda  II,  S.  268.  Vgl.  auch  S.  388,  389.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.