Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zu  können,  daß  er  vom  Gesichtspunkt  der  Menschlichkeit  ans
besser  entlohnt  werden  müsse,  aber  keineswegs  will  er  damit  sagen,
daß  die  Aneignung  eines  Teiles  des  gesellschaftlichen  Erzeugnisses
durch  den  Grundbesitzer  oder  Kapitalisten  an  und  für  sich  ungerecht
sei 1 ).  Sein  Standpunkt  ist  nicht  von  dem  verschieden,  auf  den  sich
späterhin  die  deutschen  Staatssozialisten  stellen  werden,  um  ihre
soziale  Politik  zu  rechtfertigen.
Wenn  aber  die  Kritik  Sismondi’s  nicht  zum  Sozialismus  führt,
so  erschüttert  sie  doch  in  ganz  besonderer  Weise  den  Liberalismus.
Sie  weist  nämlich  schlagend  die  Fehlerhaftigkeit  des  von  den  Physiokraten
  aufgestellten  Theorems  nach,  um  dessen  Beweis  sich  auch
Smith  bemüht  hatte:  die  natürliche  Übereinstimmung  des  persönlichen ­
  Interesses  mit  dem  der  Allgemeinheit.  Es  ist  wahr,  daß,  als
Smith  diese  Behauptung  aufstellte,  er  fast  ausschließlich  an  die  Produktion ­
  dachte,  und  es  ist  gerade  das  Verdienst  Sismondi’s,  ihre
Tragweite  mit  Hinsicht  auf  die  Güterverteilung  untersucht  zu  haben.
Sismondi  wird  durch  die  Untersuchung  der  Tatsachen  dazu  gezwungen,
gerade  die  Grundlage  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zu  bestreiten.
Eigentümlicherweise  ist  er  selbst  darüber  erstaunt.  A  priori  erscheint
ihm  die  Theorie  von  der  Übereinstimmung  des  persönlichen  mit  dem
allgemeinen  Interesse  richtig.  Beruht  sie  doch  auf  dem  doppelten
Gedankengang:  „daß  ein  jeder  sein  persönliches  Interesse  besser  versteht, ­
  als  es  eine  unwissende  und  unaufmerksame  Regierung  verstehen
kann,  und  daß  das  Interesse  eines  jeden  das  Interesse  aller  bildet.“
„Nun  ist  sowohl  das  eine  wie  das  andere  Axiom  richtig 2 ).“  Woher
kommt  es  dann,  daß  die  Tatsachen  dieser  Schlußfolgerung  entgegen
laufen  ?
Hier  berühren  wir  den  Mittelpunkt  der  Gedanken  Sismondi’s,  den
Punkt,  wo  er  den  Bereich  der  reinen  Ökonomik,  in  deren  Grenzen
sich  die  Klassiker  gehalten  hatten,  verläßt  und  zu  etwas  Neuem  übergeht: ­
  nämlich  zu  der  Verteilung  des  Eigentums.  Sismondi  findet  in
einer  sozialen  Ursache,  nämlich  in  der  ungleichmäßigen  Verteilung  des
Eigentums  unter  den  Menschen,  und  in  der  ungleichen  Macht,  die
sich  daraus  für  die  Kontrahenten  ergibt,  die  Erklärung  des  Wider-*)

  „Der  Arme  erwirbt  durch  seine  Arbeit  und  durch  seine  Achtung  für  das
Eigentum  anderer  ein  Anrecht  auf  eine  Wohnung  und  auf  reinliche  und  gesunde
Kleidung,  auf  eine  ausreichende  Nahrung,  die  genügend  mannigfaltig  ist,  um  seine
Kräfte  und  seine  Gesundheit  zu  erhalten,  usw.  Erst  wenn  all  dieses  dem  Armen
aus  der  Erucht  seiner  Arbeit  gesichert  ist,  beginnt  das  Recht  des  Reichen.  Nur  das
Überflüssige,  nachdem  das  Leben  aller  sichergestellt  ist,  bildet  das  Einkommen ­
  des  Reichen“  (Etudes  sur  l’Economie  politique,  I,  S.  273).  Hier  ist
klar  ersichtlich,  in  welchem  Sinne  Sismondi  von  Beraubung  spricht.
-)  Nouv.  Princ.,  I,  S.  407,  vgl.  auch  S.  200-201.
            
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