Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule 213
um leben zu können, auch wenn er gegen ihr eigenes Interesse und
das ihrer ganzen Klasse verstößt 1 )? Wer hat nun den „Armen in
die Notwendigkeit versetzt, sich diesen drückenden und ständig
drückender werdenden Bedingungen bei Strafe des Hungertodes zu
unterwerfen?“ Was anders als die Trennung zwischen Eigentum und
Arbeit 2 )? Wenn der Arbeiter wie früher ein unabhängiger Hand
werker wäre, könnte er sein Einkommen ungefähr voraussehen und
infolgedessen die Zahl seiner Kinder beschränken, denn die Bevölke
rung regelt sich stets nach dem Einkommen *). Heutigen Tages, wo
er ohne jeden Besitz ist, kommt sein ganzes Einkommen von dem
Kapitalisten, der ihn angestellt hat. In völliger Unkenntnis über
die zukünftige Nachfrage nach Produkten und der Menge von Arbeit,
die notwendig sein wird, hat er keinen Grund mehr, seine Voraus
sicht zu gebrauchen, und gebraucht sie auch nicht mehr. Die Be
völkerung wächst oder vermindert sich nach dem Gutdünken des
Kapitalisten. „Jedesmal, wenn Arbeit verlangt wird und man dafür
einen genügenden Lohn anbietet, wird der Arbeiter, der ihn ge
winnen will, geboren . . . Wenn die Nachfrage aufhört, geht der
Arbeiter zugrunde 4 ).“
Diese Theorie über Bevölkerung und Lohn ist in Wirklichkeit
nichts anderes als die, die A. Smith aufgestellt hatte, für den die
*) „Es ist eine Wahrheit, auf die die Volkswirtsohaftler oft nachdrücklich hin
gewiesen haben, daß nämlich jeder einzelne seinen eigenen Vorteil viel besser wahr-
nehmen kann, als das irgendeiner Regierung möglich ist. Sie haben aber vorschnell
behauptet, daß das Interesse eines jeden, ein größeres Übel zu vermeiden, mit dem
allgemeinen Interesse übereinstimmen muß. Es liegt im Interesse dessen, der von
der Beraubung seines Nächsten lebt, ihn zu bestehlen; es liegt im Interesse des Be
raubten, das geschehen zu lassen, wenn der andere die Macht besitzt, um nicht tot
geschlagen zu werden; es liegt aber nicht im Interesse der Gesellschaft, daß der
eine mächtig ist, und daß der andere unterliegt, ... Es liegt ohne Zweifel im
Interesse des Tagelöhners, daß der Lohn einer zehnstündigen Tagesarbeit genüge,
um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und seine Kinder zu erziehen. . . . Das
liegt auch im Interesse der Gesellschaft, aber das Interesse eines beschäftigungslosen
Tagesarbeiters bedingt, daß er um jeden Preis Brot schaffe; er wird 14 Stunden am
Tage arbeiten und seine Kinder mit 10 Jahren in die Fabrik schicken. Er setzt
mit seiner Gesundheit und seinem Leben die Existenz seiner ganzen Klasse aufs
Spiel, um einem bestehenden, drückenden Bedürfnis zu entgehen (Nouv. Princ., I,
S. 200—201). /
2 ) N. P., I, S. 201.
s ) „Die Bevölkerung regelt sich daher einzig nach dem Einkommen, und wenn
sie dieses Verhältnis überschreitet, so haben sich die Väter über die Höhe ihres
Einkommens getäuscht oder vielmehr, die Gesellschaft hat sie darüber getäuscht“
(N P., II, S. 254). . . .“ Je weniger Besitz der Arme hat, um so leichter irrt er
sich über sein Einkommen, und um so leichter trägt er zum Wachstum einer Be
völkerung bei, die nicht mit der Nachfrage nach Arbeit übereinstimmt und daher
°™ e Uuterhaltsmittel'bleiben muß (ebenda, S. 264).
l ) N. P., II, 286.