Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  235

Hier  aber  ändert  sich  der  Ton  *).
Frankreich,  haben  wir  gesagt,  wird  zu  einer  großen  Fabrik.
„Die  wichtigsten  Arbeiten  in  einer  Fabrik  bestehen  aber  zunächst
darin,  die  Fabrikationsmethoden  zu  bestimmen,  weiterhin  die  Interessen
der  Unternehmer  mit  denen  der  Arbeiter  einerseits,  mit  denen  der
Verbraucher  andererseits  in  Übereinstimmung  zu  bringen.“  So
gibt  es  auch  in  der  industriellen  Ordnung  Platz  für  eine  Regierung,
aber  für  eine  Regierung  von  ganz  besonderer  Art:  nämlich  eine  Verwaltung ­
  der  Sachen,  deren  wir  bedürfen,  anstatt  eine  Regierung  der
Menschen 2 ).  Die  Politik  soll  nicht  verschwinden,  muß  sich  aber
uniformen.  Sie  wird  zu  einer  „positiven  Wissenschaft“,  „zur  Wissenschaft ­
  der  Produktion,  das  heißt  zu  einer  Wissenschaft,  deren
Gegenstand  die  allen  Produktionszweigen  günstigste  Ordnung  der
Dinge  ist“ 3 ).  „Unter  der  alten  Ordnung  mußten  die  wesentlichen
Maßnahmen  sich  damit  beschäftigen,  die  Gewalt  der  Regierung  zu
steigern,  die  Macht  der  oberen  Klassen  über  die  unteren  so  fest  wie

')  Der  Gegensatz  wird  in  der  folgenden  Stelle  gut  hervorgehoben:  „Man  hat
erkannt,  daß  fast  alle  Maßnahmen,  durch  die  sie  (die  Begierungen)  vergaben,  auf
den  sozialen  Wohlstand  Einfluß  auszuüben,  kein  anderes  wirkliches  Ergebnis  gezeitigt
haben,  als  ihm  Abbruch  zu  tun;  aus  dieser  Tatsache  ist  der  Ausdruck  entstanden,
daß  Regierungen  nichts  Besseres  für  das  Wohl  der  Gesellschaft  tun  können,  als  sich
nicht  damit  zu  befassen.  Wenn  auch  diese  Ansicht  richtig  ist,  solange
man  sie  vom  Standpunkt  des  bestehenden  politischen  Systems  betrachtet, ­
  so  ist  sie  doch  selbstverständlich  falsch,  sobald  man  sie
im  absoluten  Sinne  auffaßt;  sie  kann  in  dieser  Weise  nur  bestehen
hleiben,  solange  man  nicht  zu  der  Idee  eines  anderen  politischen
Systems  gelangt  ist“  (L’Organisateur,  (Euvres  compl.  IV,  S.  201).
Späterhin  gehen  die  Saint-Simonisten  von  diesem  Gedanken  aus,  um  die  Leitung
aller  sozialen  Beziehungen  durch  die  Regierung  zu  fordern.  „Weit  davon  entfernt,
zuzugeben,  daß  man  sich  vornehmen  muß,  den  leitenden  Einfluß  innerhalb  der  Gesellschaften ­
  zu  beschränken,  glauben  wir,  daß  er  sich  auf  alles  erstrecken
sollte,  daß  er  stets  gegenwärtig  sein  muß,  denn  für  uns  ist  Jede  wirkliche  Gesellschaft ­
  eine  Hierarchie“  (Exposition  de  la  doctrine  de  Saint-Simon,  2.  Jahr,
Paris  1830,  S.  108).
2 )  Unter  dem  alten  Regime  „kommen  die  Menschen  vor  den  Dingen“  (Fortsetzung ­
  der  Broschüre;  Des  Bourbons  et  des  St  uarts,  1822,  (Euvres  choisies,
S.  447).  Unter  der  neuen  Ordnung  der  Dinge,  „muß  die  soziale  Ordnung  als
einzigen  Zweck  den  Einfluß  der  Menschen  auf  die  Dinge  haben“  ((Euvres,  IV,  S.  81).
„Bei  dem  heutigen  Zustand  der  Kenntnisse  liegt  das  Bedürfnis  der  Nation  nicht
darin,  regiert,  sondern  verwaltet  zu  werden,  und  zwar,  so  billig  wie  möglich  vergaltet ­
  zu  werden“  (Systeme  indust.,  (Euvres  compl.  V,  S.  151).  In  gleicher
Weise  schreibt  später  Engels  in  seinem  Buch  gegen  Eugen  Dührikg,  indem  er  von
der  sozialistischen  Ordnung  spricht:  „An  Stelle  der  Regierung  von  Personen  wird
die  Verwaltung  von  Sachen  treten,  wie  auch  die  Leitung  des  Produktionsvorganges.
Der  Staat  wird  nicht  „abgeschafft“,  er  „stirbt  ab“  (Philosophie,  Economie
Politique,  Socialisme,  Franz.  Übers,  von  Laskine,  Paris,  1911.  S.  361).
S)  Lettres  ä  un  Americain  ((Euvres,  II,  S.  189).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.