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Erstes Buch. Die Begründer.
Wort „Mode“, weit mehr, als es unsere heutigen Nationalökonomen
sind. Das erscheint uns fast befremdlich, jedoch kann man dafür
eine ganze Reihe von Gründen linden.
Sei es, daß die raffinierte und sittenlose Gesellschaft jener Zeit
in der Agrarökonomie der Physiokraten ähnliche Anregungen fand,
wie in den Schäferidyllen von Trianon und den Watteau’schen Land
schaften; sei es, daß ihr inmitten des unheimlichen Krachens aller
Fugen des politischen und sozialen Gesellschaftsgebäudes jener Zeit
der Gedanke an eine unwandelbare Naturordnung einigen Trost ge
währte. Sei es, daß sich im Gegenteil ihr Interesse regte, weil sie
in einer solchen Behauptung dieser sog. „Sektierer“, — z. B. in dem
von Quesnay als Überschrift über sein „Tableau“ gesetzten Motto;
Arme Bauern, armes Königreich; Armes Königreich, armer König!
— den ersten Windhauch spürte einer neuen Zeit, noch nicht so sehr
bedrohlich, aber doch ein Auftakt zu dem Sturm, der im Anzug war.
Betrachten wir zunächst die Lehre, d. h. die nach ihrer Auf
fassung wesentlichen Grundprinzipien, nachher das System,
d. h. die Anwendung dieser Grundprinzipien.
I.
§ 1. Die natürliche Ordnung.
Der Grundbegriff des Systems der Physiokraten ist die natürliche
Ordnung. Die- „natürliche und wesentliche Ordnung der
politischen Gesellschaften“ (Ordre naturel et essentiel des
Societes politiques) nennt Meeciee de la Eivieeb sein Buch, und
Dueont de Nem.oues definiert die Physiokratie als „die Wissenschaft
von der natürlichen Ordnung“.
Was ist aber unter diesen Worten zu verstehen?
Zunächst ist es selbstverständlich, daß sie als gegensätzlich zur
Auffassung einer künstlichen, einer vom menschlichen Willen ge
schaffenen Ordnnng, eines „Contrat social“ verstanden werden müssen 1 ).
l ) Jean-Jacques Rousseau war ein Zeitgenosse der Physiokraten, denn er starb
erst im Jahre 1778, und sein Buch, der „Contrat social“ erschien 1762. Doch war
er kein Anhänger ihrer Schule und der Marquis Mieabeau versuchte vergeblich, ihn
zu der physiokratischen Lehre zu bekehren.
Wohl scheint zwischen der Lehre der natürlichen Ordnung und der des
Contrat social ein absoluter Gegensatz zu bestehen, denn das, was natürlich und
spontan ist, kann nicht auf kontraktlicher Übereinkunft beruhen. Man könnte sogar
zu dem Glauben neigen, daß die berühmte Theorie Rousseau’s als Gegensatz zu der
physiokratischen Lehre erfunden worden sei, wenn man nicht wüßte, daß die Grund
gedanken des Contrat social schon lange vor Rousseau, in vielen, hauptsächlich auf
calvinistischer Anschauung fußenden Schriften niedergelegt sind. Für Rousseau