Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  301

alle  seine  Zollschranken  an  die  Grenzen  verlegte,  und  sein  neuer
Zolltarif;  in  dem  die  Zölle  auf  Manufakturgegenstände  10  °/ 0  nicht
überstiegen,  der  kein  Ein-  oder  Ausfuhrverbot  enthielt,  und  nach
dem  die  Einfuhr  der  meisten  Rohstoffe  frei  war,  wurde  von  Huskissox
  1827  im  englischen  Parlament  als  ein  nachahmenswertes
Muster  des  Liberalismus  vorgeschlagen.  Diese  Eeform  beschränkte
sich  aber  auf  Preußen  und  verbesserte  in  keiner  Weise  die  Lage
der  Gesamtheit  der  deutschen  Kaufleute,  gegen  die  der  preußische
Zolltarif  in  der  gleichen  Weise  wie  gegen  Ausländer  zur  Anwendung ­
  kam.
Diese  vereinzelte  Reform  war  denn  auch  weit  davon  entfernt,
die  Bewegung  zugunsten  einer  Zolleinheit  einzuschränken,  sondern
wirkte  im  Gegenteil  nur  auf  ihre  Stärkung  hin.  1819  entstand  in
Frankfurt  der  „Handelsverein“,  um  auf  die  Regierung  des  deutschen
Bundes  einzuwirken.  Sein  Urheber  ist  Friedrich  List.  Seit  kurzem
als  Professor  in  Tübingen  tätig,  ist  er  schon  als  liberaler  Journalist
bekannt,  wird  zum  Generalsekretär  des  Vereins  ernannt  und  ist  die
Seele  der  Bewegung.  Er  häuft  Petitionen,  Zeitungsartikel  und  persönliche ­
  Vorstellungen  bei  den  verschiedenen  Regierungen  in  München,
Stuttgart,  Berlin  und  Wien;  er  möchte,  daß  Österreich  die  Initiative
z u  dieser  Retorm  nehme.  Alles  erfolglos!  Der  jedem  selbständigen
Ausdruck  der  öffentlichen  Meinung  feindlich  gesinnte  Bundestag  verweigert ­
  der  Petition  des  Handelsvereins  die  Antwort.  List  selbst
wird  bald  durch  andere  Sorgen  in  Anspruch  genommen.  1820  in
seiner  Geburtsstadt  Reutlingen  zum  Abgeordneten  der  württembergischen
  Ständekammer  erwählt,  wird  er,  infolge  einer  Petitionsvorlage, ­
  in  der  er  die  Bureaukratie  seines  Landes  ziemlich  scharf
kritisierte,  auf  Anstiften  der  reaktionären  Regierung  aus  der  Kammer
ausgeschlossen  und  zu  zehn  Monaten  Festung  verurteilt.  Nachdem
er  Zuflucht  in  Frankreich  gesucht  hatte  und  in  England  und  in  der
Schweiz  gereist  war,  entschließt  er  sich,  nach  Württemberg  zurückzukehren, ­
  wo  er  sofort  eingekerkert  wird.  Nach  seiner  Entlassung
aus  dem  Gefängnisse  geht  er  nach  Amerika,  denn  Lafayettb,  den
er  in  Paris  kennen  gelernt  hatte,  hatte  ihn  gedrängt,  ihn  dorthin  zu
begleiten  und  ihm  eine  seines  Talents  würdige  Aufnahme  versprochen
(1825).
Nachdem  er  sich  in  Amerika  hochstehende  Freunde  erworben
batte  und  zu  Vermögen  gekommen  war,  kehrte  er  1832  nach  Deutschiand
  zurück,  wo  die  Zolleinheit,  für  die  er  13  Jahre  früher  gekämpft
batte,  unmittelbar  vor  ihrer  Verwirklichung  stand.  Allerdings  anders
al »  er  gedacht  hatte.  Nicht  unter  der  Führung  Österreichs  und  nicht
durch  eine  allgemeine  Reform,  sondern  mit  Preußen  als  Grundstein
uud  durch  eine  Reihe  von  Sonderabkomraen.  1828  waren  fast  gleich-
            
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